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Moebius

ARG 1996. R: Gustavo Mosquera R,B: Arturo Onativia u.a. K: Abel Penalba, Federico Rivares. S: Pablo Georgelli, Alejandro Brodersohn. M: Mariano Núñez West. D: Guillermo Angelelli, Roberto Carnaghi, Jorge Petraglia, Anabella Levy u.a.
88 Min. Kairos ab 25.9.97
Von Daniel Hermsdorf In ihren Formulierungen der Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit hat die moderne Kunst immer neue Varianten gefunden. Ganz gleich, ob der Surrealismus seine Wahrheiten im Traum suchte oder die russische Avantgarde ihre Luftschlösser baute – selbst die profanen Ausläufer der hohen Kunst proklamierten unermüdlich ihr break on thru to the other side.

Das Möbiusband, das zuletzt in Douglas R. Hofstadters wissenschaftlichem Bestseller »Gödel Escher Bach« und der damit verbundenen Escher-Renaissance zu Ruhm gelangte, hebt die moderne Sehnsucht nach der »anderen Seite« in verführerisch utopischer Manier auf: Der Weg über es ist ebenso unendlich wie allumfassend.

In Moebius wird das Phänomen des unendlichen Wegs, einem Roman von A.J. Deutsch folgend, gewissermaßen geerdet und zugleich Teil einer phantastischen Erzählung. Eine U-Bahn voller Menschen verschwindet auf ihrem Weg durch die Verkehrskatakomben von Buenos Aires. Fortan hört man gelegentlich ihr dröhnendes Fahrtgeräusch, ohne sie jemals zu erblicken, und ihr Weg scheint sinn-, richtungs- und endlos.

Derart übersinnliche Phänomene kann die bürokratische Realität nicht durchgehen lassen, und so engagiert man einen Topologen, der den Verbleib des verschwundenen Zuges per kartographischem Studium ergründen soll. Auf seiner Suche nach des Rätsels Lösung werden ihm auch die Behörden und Archive, die er konsultiert, zum zivilisatorischen Irrgarten. Lagepläne und ausufernde Planskizzen des U-Bahnnetzes pflastern die Wände, und die Suchaktionen in den papierenen Gedächtnissen von Buenos Aires führen zu leeren Aktenordnern und anderen Lücken im System.

Die verästelten Verkehrs- und Verwaltungsapparate entsprechen mehr und mehr dem, was Jorge Luis Borges (nach dem hier eine U-Bahn-Station benannt ist) in seiner »Bibliothek von Babel« (1941) entworfen hat: »Die Bibliothek ist unbegrenzt und zyklisch. Wenn ein ewiger Wanderer sie in einer beliebigen Richtung durchmäße, so würde er nach Jahrhunderten feststellen, daß dieselben Bände in derselben Unordnung wiederkehren (die, wiederholt, eine Ordnung wäre: Die Ordnung).«

Die zahlreichen Köche – sprich: Filmstudenten an der Universidad del Cine in Buenos Aires unter der Leitung des Hochschulgründers Gustavo Mosquera R. – taten dem vollen Bukett des Endprodukts keinerlei Abbruch. Moebius formuliert eine mittlerweile weltweit vernetzte Verwirrung und lenkt gekonnt die Daten-Achterbahn, in der wir alle sitzen. Wir kommen bei uns selbst an. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #07.
© 2012, Schnitt Online

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