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Die Mitte

D 2003. R,B,S: Stanislaw Mucha. K: Susanne Schüle. M: Moritz Denis, Eike Hosenfeld. P: Strandfilm. D: Pawel Bartoszewicz, Marc Baumgartner, Dariusz Blaszczyk, Michal Hirko u.a.
86 Min. Ventura ab 27.5.04

Weniger Wunder als Todesfälle

Von Christoph Pasour Wir haben ihn verdient, den Chefzyniker Donald Rumsfeld. Seine Polemik ist messerscharf und zielt punktgenau. Und daher ist es durchaus erfrischend, wenn er uns unserer eigenen Eitelkeit überführt, indem er in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um den Irak-Krieg respektlos »Old Europe« kurzerhand vom Tisch wischte, um das neue Europa im alten Osten auszumachen. Daß es für Paris, London und Berlin irgendwann eng werden könnte in Bezug auf die wie selbstverständlich vertretene europäische Führerschaft, dafür gab erst neulich das Geschacher mit den Punkten beim Grand Prix ein spielerisches Exempel. Der Osten schob dem Osten fleißig Punkte zu, und wir durften zusehen.

Daß bereits die Geographie eine Ostverschiebung europäischer Perspektive zwingend vorgibt, davon erzählt Stanislaw Mucha in seinem neuen Dokumentarfilm Die Mitte. Aber Mucha ist viel zu klug, um sich nun für das wachsende Selbstbewußtsein des Ostens einspannen zu lassen, denn seine Suche nach der geographischen Mitte unseres Kontinents ist nur die Versuchsanordnung. In seinem Experiment wird sich »Europa« als klare Idee ziemlich schnell verflüchtigen.

In Zeiten der Osterweiterung der Europäischen Union ist ein Begriff wie »Die Mitte Europas« vorrangig als Metapher zu denken. Man zeichnet mit Zirkel und Lineal Punkte und Linien auf einer großen Karte ein, und wo sich die Achsen Ost/West und Süd/Nord schneiden, fragt man sich, ob hier nicht etwas zu finden sei, was diesen Kontinent zusammenhalte. Vom Nordkap bis nach Malta. Von Portugal bis zum Ural. Wäre das nicht schön? In der Mitte eine Säule, auf der dieses asymmetrische Ungetüm Europa ruht und endlich zu sich selbst findet? Eine europäische Identität?

Wenn die Mitte nur exakt zu ermitteln wäre. Kaum zählbar, wie viele Käffer, und es sind nur Käffer, die diese Mitte für sich beanspruchen, wobei die meisten in den Staaten Osteuropas zu finden sind. Und damit nicht genug. Dieses Kernland Europas scheint, zumindest bei Mucha, verlottert, rückwärtsgewandt und irgendwie fremd. Bevölkert von Wunderheilern, Arbeitslosen, Schwermütigen, Nostalgikern, ein paar Lebenskünstlern. Freundliche Kleingeister der Gartenzwergfraktion sind auch dabei, die Europas Zentrum ihrem Kunststoffknirps im Vorgarten überantworten. Solche findet man aber vor allem dort, wo die Mitte noch am westlichsten ist und behäbig – in Hessen oder an der österreichischen Grenze. Weiter im Osten heißt es, etwa im Baltikum, »Was ist das für ein Scheusal, dieses Europa!«, weil sie es satt haben, wieder und wieder von der Geschichte nach der einen oder anderen Seite gebogen zu werden.

Im Zentrum Europas zu liegen, klingt wie eine Drohung, und daher titelt die heimische Zeitung: »In der Mitte Europas geschehen weniger Wunder als Todesfälle«. Irgendwo in Litauen stapelt das Projekt »Fernseher für Europa« tausende ausrangierte TV-Geräte zu einem bizarren Labyrinth der Bildröhren. Seltsame Dinge finden sich ein im so symbolträchtigen Zentrum. Anderenorts gibt ein Berg aus unzähligen Holzkreuzen, eine Art überdimensionaler Grabhügel, nur eine Marschrichtung vor, und die geht sicher nicht gen gemeinsamer europäischer Zukunft. Warum das hier das Zentrum Europas sei? Der Papst habe das gesagt, und der müsse es ja wissen.

Ein Kuriositätenkabinett hat Mucha inszeniert, und die Menschen scheinen darin allesamt in einem Vakuum zwischen Vergangenheit und unsicherer Zukunft gefangen. Nur weil sie sich dessen sehr bewußt sind und über eine gehörige Portion Sarkasmus verfügen, ist vieles unfaßbar komisch. Doch Mucha ist ernsthaft und den Menschen sehr nah. Darum tut der Film auch weh, weil Skurriles und Verschrobenes hier immer resultiert aus Trauer über Verlorenes und lähmende Angst vor der Zukunft.

Man könnte einwenden, der Pole Mucha sei einem kulturell tief verwurzelten westlichen Blick auf den Osten erlegen – der slawische Bauer fügt sich mit wodkagetränkter und mürrischer Ergebenheit in das Unausweichliche. Paßt doch wunderbar, daß selbst die Jugend in der Ukraine die Zeitenwende mit »Die Perestroika funktioniert am besten nach einem Joint« kommentiert.

Doch weil aktuelle Vorzeichen ganz andere sind, greift dieser Vorwurf nicht. Der westliche Wirtschaftsmotor stottert und braucht den Jubel über neue Absatzmärkte, die seit dem 1.Mai besser zu erschließen sind. Der Aufbruch ist jedoch ein existentieller Umbruch, der viele zurückläßt. Ihnen gilt Muchas Aufmerksamkeit. Daß er bei der Suche nach Europas Mitte auf dieses Strandgut der Geschichte stößt, offenbart die Widersprüchlichkeit und Inkohärenz der Idee »Europa«. Die Suche nach der Mitte entpuppt sich als Jagd nach etwas Imaginärem, und dafür liefert das stets vagabundierende geographische Zentrum den quasi wissenschaftlichen Beweis. Und selbst zwei Schweizer, die am Ende des Films mit GPS Sender endlich auf den Punkt kommen wollen, müssen vor dem widerspenstigen Gebilde passen. Sie verirren sich im Dickicht eines polnischen Waldes. 1970-01-01 01:00

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