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Mitfahrer

D 2003. R: Nicolai Albrecht. B: Khyana el Bitar, Dagmar Gabler, Robert Löhr. K: The Chau Ngo. S: Bernd Euscher. P: Opal. D: Ulrich Matthes, Anna Brüggemann, Ivan Shvedoff, Jana Thies u.a.
90 Min. Opal ab 17.11.05

Logorrhoeexpress

Von Thomas Waitz »Die Fahrbahn ist ein graues Band / Weiße Streifen, grüner Rand«, hieß es einst bei Kraftwerk. Von den Nutzern der Autobahnen war hingegen nicht die Rede. Die erledigen das selber: sitzen im Wagen, quatschen über ihr sogenanntes Leben dummes Zeug und fahren alle Nase lang raus an die Raststätte. Eigentlich nerven alle; es gibt – und das ist einigermaßen erstaunlich – keine sympathische Figur in Mitfahrer. Warum tut man sich das also an – mit wildfremden Leuten, die einem die Mitfahrzentrale ins Auto setzt, nach Berlin zu gurken? Die Strecke dauert gefühlte zwanzig Stunden, irgendwann wird es sogar Nacht, Berlin liegt kurz hinter Warschau. Die eigentliche Frage müßte aber lauten: Warum soll man sich das als Zuschauer antun?

Nicolai Albrecht erzählt in Mitfahrer von Momentaufnahmen flüchtiger Begegnungen. Drei Reisegruppen aus drei Städten, an einem Freitagabend unterwegs in die Hauptstadt. Die Autofahrt mit Fremden ist eine filmische Versuchsanordnung. Was macht das mit Leuten, wenn sie plötzlich aufeinanderhocken und sich eine fremde Geschichte anhören müssen? In der sozialen Verfassung der Protagonisten spiegelt sich also auch das Dispositiv Kino. Aber zur Selbstreferenz reicht das nicht, und alles Transitorische, das der Film doch zu versprechen scheint, die Lust des Unterwegsseins, mündet in die ewig gleichen Pausen an den Raststätten und Ausfahrten der Tankstellen.

Mitfahrer kennzeichnet in qualitativer Hinsicht ein eigentümliches Paradoxon: Die Figuren bleiben flach und eindimensional, die Probleme, die sie haben, sind belanglos – da gibt es einfach keine Zwischentöne, da zeigen sich keine Abgründe, keine noch so billige Gewißheit wird jemals erschüttert. Und gleichzeitig ist Mitfahrer visuell hochattraktiv. Das muß man ja erst einmal hinbekommen, diese ganzen Szenen im Auto, ohne, daß es aussieht wie Fernsehen. Auch der Schnitt ist gelungen, die Montage der einzelnen Erzählstränge, die in ihrer semantischen Substanz jedoch nie so etwas wie Geschlossenheit oder gar eine Aussage ergeben würden.

Und schließlich kommen alle in Berlin an, man geht auseinander. Die Kamera fährt hoch, die Protagonisten treten heraus aus dem Bild, die Diegese verlangsamt sich – das Ende der Narration, das Ende des Films. Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Der Film geht noch eine halbe Stunde weiter. Gar nicht mal so schlimm: Diese halbe Stunde ist – immerhin – wesentlich besser als alles zuvor Gesehene. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.
© 2012, Schnitt Online

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