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Mit IKEA nach Moskau

D 2001. R,B,K: Michael Chauvistré. S: Dorothea Brühl, Felix Haß. M: Georg Fischer, Christoph Seil, Claudius Dreilich.
90 Min. Piffl Medien ab 30.8.01

Von Schweden nach Rußland

Von Mark Stöhr Zehn Sachen, die ich von IKEA habe: Meine Schreibtischplatte, meine Schreibtischlampe, mein Bücherregal, meinen Teppich, meinen Sessel, meinen Vorhang, meine Tischdecke, meinen Zahnputzbecher, meinen Duschvorhang und dazu passend einen Badevorleger. Der ist neu, ich war nämlich neulich wieder bei: IKEA. Wenn das Leben unordentlich zu werden droht, wird es Zeit für die Große Runde.

Bei den Wohnmöbeln reift der Plan, mal wieder was Belletristisches in die Hand zu nehmen, in der Bettenabteilung, seinem Körper den biologischen Schlafrhythmus zu gönnen, inmitten der Badeaccessoirs möchte man sich auf der Stelle die Hornhaut von den Fersen schälen und vor dem Kinderparadies Vater werden. Alles ist machbar und gar nicht so schlimm. Wenn es aber in diesem Glashaus mit den fröhlichen Fingerfarben-Gesichtchen doch arg stickig wird, und es wieder ein wenig regnen soll, wird es Zeit für eine dreckige Doku. Doch unversehens steht man wieder vor: IKEA.

Der Filmemacher Michael Chauvistré war bei der Eröffnung von IKEA Moskau – mit ihm Manuela und Ulf, die ein Jahr lang am Aufbau der russischen Filiale mitarbeiteten und über 37.000 Moskauer. Sogar Unternehmensgründer Ingvar Kamprad gab sich die Ehre und legte jovial mit Hand an. Es sind beeindruckende Szenen: von der wachsenden Nervosität und stetig hektischer werdenden Geschäftigkeit kurz vor Türöffnung, dem explosionsartig sich über alle Abteilungen ergießenden Massenansturm, zur Neige gehenden Bleistiftvorräten, einer Tombola auf dem Vorplatz im Schneeregen, endlosen Warteschlangen vor der Kasse und endlos erschöpften Menschen dahinter.

Dazwischen tauchen immer wieder Manuela und Ulf als personae dramatis auf, übers Handy in radebrechendem Englisch eilige Anweisungen gebend oder in einem Wust von Waren und Verpackungsmaterial versinkend – der eine enttäuscht, weil er bei der Führung Kamprads durch die neuen Räumlichkeiten übergangen wurde, die andere stolz über dessen noch tintenfrisches Autogramm auf der Rückseite ihres Namensschildes. Das hat Drive, Witz und Dramatik, die Kamera deliriert in rasenden Schwenks und windschiefen Kadrierungen, die Taktzahlen der Schnitte halten präzise Schritt mit der dramaturgischen Fieberkurve.

So ein Showdown ist schon mehr als die halbe Miete für das Gelingen eines Filmes, sollte man meinen, doch leider ist nur vom mittleren Drittel von Mit IKEA nach Moskau die Rede – das Vor- und Nachher dümpelt bieder und behäbig im Let's-come-together-and-talk-about-It althergebrachter Doku-Konzepte: Menschen reden sich um Kopf und Kragen, anstatt von ihnen in Situationen und Handlungen erzählt würde, das Objektiv klebt statisch an ihren Lippen und suggeriert uneingeschränkte Aufmerksamkeit, wo es doch lediglich allseitige Verkrampfung und penetrante Nähe erzeugt.

Und plötzlich sitzt man wieder im Glashaus, in dem es bis zur Decke menschelt, zusammen mit Leuten, die sich an den Händen halten und sanft anlächeln. Willkommen im Soziotop IKEA, hol Dir die Family-Card und entdecke die Möglichkeiten! – »Now I, I wish it would rain down, down on me…« 1970-01-01 01:00
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