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Mission: Impossible 3

USA 2006. R,B: J.J. Abrams. B: Roberto Orci, Alex Kurtzman. K: Dan Mindel. S: Mary Jo Markey, Maryann Brandon. M: Michael Giacchino, Lalo Schifrin. P: Cruise Wagner Prods. D: Tom Cruise, Philip Seymour Hoffman, Ving Rhames, Simon Pegg u.a.
126 Min. Paramount ab 4.5.06

Tom gegen die Freaks

Von Daniel Bickermann Als Fortschrittsgläubiger muß man dankbar sein für jeden mißlungenen Film, da sich aus diesem immer Lehren ziehen lassen, die andere Filme beherzigen könnten – auf diesem Weg werden Filme, theoretisch zumindest, immer besser. Wer nicht ganz so optimistisch ist, der sieht freilich ein, daß sich niemand in dieser Branche um Lehren kümmert – sofern überhaupt irgendwer an filmischer Qualität interessiert ist.

Die Lehren aus Mission: Impossible 3 sind immerhin zahlreich und nicht ausschließlich negativ. Da ist zum Beispiel die Einsicht, daß manche Fernsehserien-Talente mit den deutlich malerischeren Kadrierungen der großen Leinwand besser umgehen können als andere: Joss Whedons Feuertaufe Serenity überraschte zum Beispiel mit einigen ganz exquisiten kinematographischen Einfällen, während der Alias- und Lost-Schöpfer J.J. Abrams in diesem Film nun einen Mangel an Kompositionswillen ausstellt, der wahrlich erschreckend ist – seine Bilder sind simplistisch, geradezu infantil zusammengestellt. Zwischen seinen hektisch angewackelten Close-Ups findet Abrams nie den Weg in die Übersicht, dazu kommt in den Action-Sequenzen das üblich gewordene Herumgeschneide bis zur Unkenntlichkeit (die dann sehr schnell Desinteresse nach sich zieht). Selbst in vermeintlich idyllischen Liebes- und Dialogszenen scheint dem Regisseur außer einer wirbelnden Steadycam auf Augenhöhe nichts einzufallen – man kann den beiden Vorgängerfilmen viel vorwerfen, aber nach wackliger Fernsehproduktion sahen sie beileibe nicht aus.

Dabei zeigt Abrams ein paar sehenswerte Stunts und passiert einige hübsch ausgeleuchtete Sets. Nur leider will ihm die emotionale Ebene so überhaupt nicht gelingen, was erneut mit seinen technischen Entscheidungen zusammenhängt. Einen Protagonisten, der ohne seine geliebte Frau nicht mehr weiterleben will und sich deswegen in eine unlösbare Gewaltspirale stürzt, ein solches Szenario hat Mereilles erst kürzlich in Der ewige Gärtner viel effektiver hergeleitet – mit Hilfe hochkarätiger Darsteller und einer inszenatorischen Traurigkeit, die dem Zuschauer die abgründige Gemütsstimmung des Helden mitfühlen ließ. Im Gegensatz dazu vertraut Abrams gegen jedes besseres Wissen darauf, daß man Ethan Hunts hastig geschlossene Ehe mit der unterbesetzten Michelle Monaghan nur aufgrund zweier Standard-Partyszenen als emotionalen Kern des Films akzeptiert. Es ist das übliche Dilemma: Vor lauter Action und Dramatik hat man keine Zeit, die Figuren wirken zu lassen; das aber wäre dringend vonnöten, wenn man eben diese Dramatik auch emotional grundieren möchte – so berauben sich zwei Filmelemente gegenseitig ihrer Daseinsberechtigung. Und nach der technischen Einfallslosigkeit und dem dramaturgischen GAU gibt schon der dritte Stolperstein dem Film den Rest: Es ist das wirklich schwache Script, das noch aus jeder schlecht verschleierten Expositionsszene Spannung und Dringlichkeit pressen will (dabei aber den ganzen Film blutleer erscheinen läßt) und unterwegs kein Klischee ausläßt: Der Held will raus, wird aber wieder reingezogen; als eine Kollegin stirbt, hat er Weichzeichner-Flashbacks von der gemeinsamen Ausbildungszeit; und natürlich gibt es wieder das »Agent außer Kontrolle«-Thema. Gähn! Wütendes, genervtes Gähn! sogar.

Eine weitere Einsicht ist die, daß jeder Versuch, gegenläufige Zeitgeistströmungen, wie postmoderne Doppelbödigkeit und die allerneueste Wiederkehr des Ernsthaften, miteinander zu verweben, zum Scheitern verurteilt ist: Tom Cruise (derart mit reiner Muskelkraft aufgeblasen, daß er in seinem schwarzen T-Shirt manchmal wie ein kleingeratener Henry Rollins aussieht) spielt im Stile eines Silvester Stallone völlig ironiefrei, dabei gar triefend vor Dramatik, seinen Weltrettungsstiefel herunter. Dagegen stehen ihm mit Ving Rhames, Philip Seymour Hoffman und vor allem Simon Pegg Interaktionspartner zur Seite, die sich einen Dreck um Realismus oder das dramatische Moment kümmern, sondern lieber ein furioses Witz- und/oder Schauspielfeuerwerk herunterbrennen, das in seiner Vielfarbigkeit dann natürlich die ewiggleiche Emotion des Hauptdarstellers (gehetzte Angestrengtheit) richtig langweilig aussehen läßt. Am deutlichsten wird das vielleicht in zwei Szenen: Einmal führt Simon Pegg in vollem Shaun of the Dead-Modus mit dem hölzernen Tom Cruise ein vermeintlich dramatisches Telefonat – und schafft es, mit seiner Komik zugleich jegliche Spannung zu ruinieren und den Film doch deutlich zu bereichern. Das andere Mal darf Philip Seymour Hoffman, dank des bei Mission Impossible üblichen (deswegen aber nicht weniger lächerlichen) Gesichtertausches, für einige Momente lang selbst Ethan Hunt spielen. Das gerade oscarprämierte Schwergewicht, das ansonsten eine astreine Sammel-Hommage an die Bond-Bösewichte der letzten 40 Jahre hinlegt (besonders Gerd Fröbe scheint es ihm angetan zu haben), gibt sich in diesen Szenen nicht eine Sekunde lang ernsthafte Mühe, eine Tom-Cruise-Imitation abzuliefern. Statt dessen beweist er ganz schamlos, daß er selbst ein hundertfach interessanterer Geheimagent gewesen wäre. Beinahe könnte man Mitleid haben mit Tom Cruise: Sabotage lauert, wohin er sich auch wendet.

Die abschließende Lehre könnte also so lauten: J.J. Abrams sollte bei seinen Fernsehserien bleiben. Oder so: Solange ein Muskelpaket wie Ethan Hunt nicht auch mal den Müll rausbringt oder sich mit Bier bekleckert, anstatt dauernd mit perfekten Zähnen auf Schiki-Partys mit Hollywood-Schönheiten herumzuhängen, hält sich das emotionale Interesse des Zuschauers an seinem Privatleben in Grenzen. Oder, am besten, vielleicht doch so: Um einen homogenen Film zu schaffen, sollte man entweder die Freaks weglassen und dafür ein brauchbares Drehbuch schreiben, oder man schickt einfach Tom Cruise in die Wüste. Dann könnte Philips Seymour Hoffman den Geheimagenten spielen und dauernd mit Simon Pegg telefonieren… wäre vielleicht kein Kassenschlager, aber sicher ein besserer Film. Und ich fände das ganz herzallerliebst. 1970-01-01 01:00
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