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Mission: Impossible 2

USA 2000. R: John Woo. B: Robert Towne, Ronald D. Moore, Brannon Braga. K: Jeffrey L. Kimball. S: Steven Kemper, Christian Wagner. M: Hans Zimmer. P: Tom Cruise, Paula Wagner. D: Tom Cruise, Dougray Scott, Thandie Newton, Ving Rhames u.a.
UIP ab 6.7.00

Erschlagender Hongkong Krach

Von Matthias Grimm Mit alten Fernsehserien macht Paramount zur Zeit am meisten Kohle. Neben dem Star Trek-Franchise entwickelt sich auch Mission: Impossible zu einem kommerziellen Dauerbrenner. Doch schon im ersten Teil wurde klar, daß die Spielfilmversion mit dem TV-Pendant nicht mehr viel gemein hat: der Teamgeist-Charakter des Originals wich einer One-Man-Show für Tom Cruise, die subtile Sneakers-Spannung einem Action-Feuerwerk, das eher an James Bond erinnert als an Kobra, übernehmen Sie!. Was dem Fan zunächst befremdlich vorkommen mag, kann sich andererseits als Glücksgriff entpuppen, schließlich waren originalgetreue Interpretationen von Serienvorbildern im Kino meist eher lau. Ebenfalls ungewöhnlich für diese Art von Fortsetzungsfilm ist das Bemühen von Produzent Cruise, die individuelle Handschrift des jeweiligen Regisseurs sichtbar zu machen. Während das bei de Palma nur bedingt funktionierte, ist M:I-2 ein reiner John Woo-Film. Ob dies allerdings ein Vorteil oder doch die Crux des Werkes ist, kann ich nicht eindeutig beantworten.

Zunächst ist John Woo ein Mann, der sein Handwerk beherrscht, der nicht umsonst ein Meister seines Faches ist, was M:I-2 in jedem Moment anzumerken ist. Die Kletterpartie zu Beginn des Films ist ein brillantes Stück Kameraarbeit: extreme Wechsel von Panorama und Naheinstellungen, Schärfentiefe, haarsträubende Teleaufnahmen, Schnittechnik wie aus dem Lehrbuch. Die Einbruchsszene, in der sich Cruise und Thandie Newton zum ersten Mal begegnen, ist ein einziger Traum: Tanz, Bewegung, Zeitlupensequenzen werden zu einem Ballett zwischen Kamera und Darstellern verwoben, die Tontechnik setzt neue Maßstäbe: Geräusche, Musik und Soundfetzen werden hier mit Gefühlen codiert und im Rest des Films stets wieder aufgegriffen.

John Woo ist aber nicht allein Ästhetiker. Wichtigstes Merkmal seiner Filme ist die präzise Charakterentwicklung, Balladen über Schmerz und Verrat, Freundschaft und Liebe, Opern in Blut gemalt. M:I-2 hat von allem genug, schließlich saß mit Chinatown-Autor Robert Towne ein Spezialist hinter der Schreibmaschine. Dies ist auch der Aspekt, bei dem sich Woo am weitesten vom Original entfernt, denn stand damals immer die Mission im Vordergrund, ist Teil 2 eigentlich eine Liebesgeschichte.

John Woo ist aber auch sehr ehrgeizig – nehme ich an. Zumindest versucht er sich stets selbst zu übertreffen, was dieses Mal nicht schwer war, lag ihm doch ein Budget zu Füßen, von dem er sonst nur träumen konnte. Und hier beginnt der Glanz allmählich zu bröckeln. Denn M:I-2 ist größeres, spektakuläreres, lauteres Hongkong-Kino als die Welt vertragen kann. Der grundsätzlich schon pathetische, symbolträchtige Stil wird bis weit über die Schmerzgrenze überzogen und macht sich selbst zur unfreiwilligen Parodie.

John Woo ist aber nicht allein. M:I-2 ist ebenso ein Tom Cruise-Film, und daß dieser nicht nur Star sondern auch Produzent war, ist dem Endprodukt deutlich anzumerken. M:I-2 ist die Two-Men-Show zweier Giganten, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, mit aller Gewalt Grenzen überschreiten wollen, alles geben, um noch besser zu sein. Am Ende steht es unentschieden, und der Zuschauer liegt erschlagen am Boden. 1970-01-01 01:00
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