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Mindhunters

USA/NL/GB 2004. R: Renny Harlin. B: Wayne Kramer, Kevin Brodbin. K: Robert Gantz. S: Paul Martin Smith, Neil Farrell. M: Tuomas Kantelinen. P: Dimension Films, Avenue Pictures u.a. D: Val Kilmer, Christian Slater, LL Cool J, Kathryn Morris u.a.
106 Min. Tobis ab 24.6.04

Die Profilprofis profilieren sich

Von Dietrich Brüggemann Zwei Figuren erschienen in den neunziger Jahren auf der Bildfläche des Kinos, erwiesen sich als unzerstörbar, kehrten in vielerlei Gestalt immer wieder und waren irgendwann so altbekannte Archetypen wie Kasperl und Seppel oder Rotkäppchen und der böse Wolf. Es waren der Serienkiller und sein Widerpart, der Profiler, die sich da den Weg in unser kulturelles Gedächtnis zu metzeln versuchten – der eine operierte abseits jeder Norm, auch fernab der Logik, mit der der klassische Kriminelle seinen eigenen Vorteil suchte, er folgte im interessantesten Fall einem quasi göttlichen Unheilsplan oder, im langweiligsten Fall, nur den wie auch immer gearteten Windungen seines kranken Hirns, die man nicht verstehen konnte, sondern eben zu akzeptieren hatte. Der andere, der Profiler, hatte die übermenschliche Aufgabe, sich ins Unmenschliche hineinzuversetzen, sich selbst in den Killer zu verwandeln, den Uneingeweihten zu sagen, was Sache ist, damit die dann die Drecksarbeit erledigen und das Monster zur Strecke bringen konnten. Da die Uneingeweihten dabei aber meist versagen, mußte der Profiler am Ende doch immer selber ran und das Monster erwürgen.

Nun braucht man ja meist bis zur Mitte des nachfolgenden Jahrzehnts, um es wirklich zu merken, aber inzwischen hat es sich herumgesprochen – die Neunziger sind vorbei. Das Genre, das nie viele Variationsmöglichkeiten bot, ist ausgeschöpft, der letzte nennenswerte Serienkiller/Profiler-Film, Tarsem Singhs The Cell, fiel eher durch irrwitzige Bilder als durch inhaltliche Sensationen auf.

Das ist Renny Harlin jedoch alles ganz egal. Der finnische Regisseur, der zuletzt in Deep Blue Sea das Verhältnis von Mensch und Hai auslotete, inszeniert Mindhunters mit einer kindlichen Freude, als gäbe es kein Morgen und vor allem kein Gestern – und das führt zuweilen zu seltsamen »Déjà-vu«-Effekten.

Wir befinden uns inmitten einer Gruppe von jungen FBI-Cracks, die soeben im Begriff sind, ihre Ausbildung zum Profiler abzuschließen. Jeder von ihnen hat eine sogenannte Eigenschaft – einer sitzt im Rollstuhl, einer kommt aus England, einer ist Technik-Freak, einer ist immer forsch und geht voran, einer ist eine Frau und dafür aber besonders tough, auch wenn er bzw. sie das Rauchen kürzlich aufgegeben hat. Einzig Kathryn Morris, hierzulande trotz oder gerade wegen ihrer Hauptrolle in der Fernsehserie »Cold Case« nahezu unbekannt, bleibt merkwürdig blass und hat, abgesehen von dem Kindheitstrauma, das eigentlich jeder hat, keine besonderen Attribute. Das ist zum einen als Hinweis und zum anderen als Vorteil zu werten: Sie ist einerseits die Hauptfigur, einer Identifikation mit ihr steht nämlich nichts im Wege, und wird andererseits bis zum Ende überleben, da Eigenschaften im Thriller gemeinhin tödlich enden.

Damit wären die Charaktere eingehend beschrieben, es kann losgehen. Die Nachwuchs-Profiler kommen auf eine einsame Insel, auf der als Übungsfeld eine komplett von Puppen bevölkerte Kleinstadt aufgebaut ist. Hier sollen sie sich an einem fingierten Serienmordfall profilieren. Dann jedoch passiert ein schrecklicher Unfall, bald liegt die erste Leiche herum, der Unfall war kein Unfall, die Insel ist ein Gefängnis oder eher ein Grab, einer von uns ist der Mörder, sämtliche Fluchtwege sind abgeschnitten, und man braucht eigentlich nur abzuwarten, wer am Ende als Letztes am Leben ist, der muß dann eigentlich der Mörder sein. So lange wollen unsere Profiler natürlich nicht warten, also tun sie, was sie gelernt haben, strengen ihre Köpfe an und versuchen herauszufinden, was den Killer antreibt und was er will, zerbrechen sich den Kopf über abstruse Zahlenrätsel, tappen im Dunkeln, stochern im Nebel und verstehen nur Bahnhof.

Ein bißchen hatte man ja immer schon den Verdacht, daß die ganze Profilerei eigentlich ein ziemlich aufgeblasener Mummenschanz ist, bei der banale Binsenweisheiten, Psychologie aus dem Ratgeberregal und etwas gesunder Menschenverstand sich zu einer hochtrabenden Geheimwissenschaft vermengen, die im Ernstfall weniger Sensationen zu bieten hat, als das Kino uns weismachen will. Der Film selbst demonstriert diese Unzulänglichkeit in seiner besten Szene, als die Adepten ganz zu Anfang in einer Kneipe sitzen und sich gegenseitig in der knappen Charakterisierung der anderen Gäste zu übertrumpfen versuchen. Natürlich liegen sie stets völlig daneben. Davon abgesehen haben die Profiler selber allesamt Macken, mit denen sie eigentlich dringend mal zum Profiler müßten.

Bleibt zu erwähnen, daß Renny Harlins Inszenierung keineswegs vollkommen daneben liegt. Der Mann weiß, was er kann, und beschränkt sich in weiser Zurückhaltung darauf. Nein, Mindhunters ist kein bodenlos schlechter Film, wer einen solchen sehen will, möge sich zum Beispiel Van Helsing ansehen, Mindhunters ist vielmehr solide gemacht und so spannend wie ein gutes Fußballspiel, bei dem die psychologischen Charakterstrukturen der Akteure ja auch egal sind. Das Fußballspiel hat nur den Vorteil, daß die Fußballspieler mir nicht ständig weismachen wollen, sie seien FBI-Profiler und unglaublich intelligent. 1970-01-01 01:00
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