— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Millions

GB 2004. R: Danny Boyle. B: Frank Cottrell Boyce. K: Anthony Dod Mantle. S: Chris Gill. M: John Murphy. P: Mission Pictures. D: Alex Etel, Lewis McGibbon, James Nesbitt, Daisy Donovan u.a.
97 Min. Fox ab 25.8.05

Glauben ist alles

Von Jutta Klocke Millionen sind es nicht annähernd, die dem verträumten Damian fast auf den Kopf fallen. Aber in den Augen eines 7jährigen mag der Batzen, der in Form einer mit Pfundnoten gefüllten Sporttasche mitten in die selbstgebaute Kartonhöhle neben den Eisenbahngleisen kracht, wohl jegliche mathematische Dimension übersteigen. Und obwohl die tatsächliche Summe durch penibles Nachzählen ermittelt werden kann, bleibt sie für Damian bis zuletzt das einzig abstrakte Detail des neugewonnenen Reichtums. So unfaßbar für ihn das Greifbare ist, so logisch erscheint ihm dagegen das Mysteriöse – die Herkunft des erklärungslos in sein Leben platzenden Geldes. Nur Gott kann die Tasche geschickt haben. Und zwar nicht als gütige Unterstützung für zwei Brüder, die noch den Tod der Mutter verarbeiten müssen, und ihren Vater, der den Verlust der Frau mit dem Bau eines neuen Hauses zu kompensieren versucht. Nein, dieses Geschenk des Himmels, so die Überzeugung des Jungen, soll Damian als Wohltäter der Armen zu dem ersehnten Heiligenstatus verhelfen.

Während andere Kinder salonfähige Helden wie Spiderman oder Beckham verehren, wird Damians Phantasiewelt von längst vergessenen christlichen Märtyrern und Samaritern bevölkert. Daß er beizeiten auch von dem einen oder anderen Heiligen Besuch und wohlmeinende Ratschläge erhält, ist nur eines der zahlreichen märchenhaften Elemente, die wie selbstverständlich in die Geschichte eingeflochten sind. Die wackligen Drahtgloriolen über den Köpfen von Petrus oder Franz von Assisi lassen dabei zwar ein leises Augenzwinkern durchscheinen, mit dem Damians Weltwahrnehmung aber nie verraten oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Vielmehr hat sich die Kamera die Perspektive des Jungen zu eigen gemacht, die selbst dem winterlich tristen Nordengland einen Farbschimmer und der rauhen Wirklichkeit allgemein zumindest die Möglichkeit eines Wunders entlockt.

Gleich in der Eingangssequenz, als eine jahreszeitliche Einordnung noch gar nicht möglich ist, werden die Fahrräder der beiden Brüder vom strahlenden Gelb eines blühenden Feldes verschluckt. Angesichts des bald offensichtlichen vorweihnachtlichen Handlungszeitraumes eine biologische Unmöglichkeit, die dennoch mit keiner Silbe, keinem Bild hinterfragt wird. Absurd erscheint in Millions allenfalls die äußere Realität, etwa wenn der sorgsame Polizist die Bewohner der Neubausiedlung darüber aufklärt, daß ein Einbruch während der Feiertage geradezu unvermeidbar ist, um ihnen gleich darauf die bereits vorbereitete Versicherungsnummer für den Ernstfall zu überreichen. Die wohl größte Utopie entwirft Drehbuchautor Frank Cottrell Boyce allerdings mit der surrealen Idee, Großbritannien würde sein geliebtes Pfund mit dem bevorstehenden Jahresende gegen den Euro austauschen. Solche Ironien finden ihren Einsatz in erster Linie als Handlungsmotor – der baldige Währungswechsel zwingt Damian und seinen Bruder Anthony beispielsweise, das »Himmelsgeld« möglichst schnell unter die Leute zu bringen. Die Bilder, mit denen die Geschichte erzählt wird, spiegeln dagegen ohne jeden Zynismus allein das kindliche Verständnis der als irreal empfundenen Wirklichkeit wieder.

Indem er die äußere Realität zwar nicht verleugnet, sie aber durch die Augen eines Träumers zeigt, schafft Regisseur Danny Boyle eine melancholisch-tröstliche Stimmung, die dank seines Gespürs für Rhythmus und der Bereitschaft, seinen kleinen Helden ernst zu nehmen, nie ins Kitschig-Belanglose abdriftet. So heterogen seine bisherige Filmographie auch sein mag, läßt der Brite seinen ganz eigenen stilistischen Schriftzug auch hier erkennen. Selbst die Rasanz des Zombie-Szenarios 28 Days Later flackert in dieser vornehmlich ruhig gehaltenen Fabel hin und wieder auf. Und die bereits in Trainspotting eindrücklich gelungene visuelle Verschmelzung von Wirklichkeit und Imagination – die Rauschvision des toten Babys an der Zimmerdecke läßt sich auch nach Jahren noch erschreckend genau vor dem inneren Auge abrufen – findet in Millions ihre konsequente, wenn auch ungleich optimistischer gehaltene Fortführung.

Die Tatsache, daß sich die Handlung hauptsächlich auf zwei heranwachsende Protagonisten konzentriert, und wahrscheinlich auch Damians Imagination, die in ihrer Standhaftigkeit gleich den Verdacht der infantilen Naivität auf sich zieht, haben Millions schnell den Stempel des Kinderfilms aufgedrückt. Dabei erzählt Regisseur Danny Boyle vielmehr eine Art Kinomärchen und bewegt sich damit jenseits der Enge einer Zielgruppenschublade. Es sind die alten Kräfte Gut und Böse, Richtig und Falsch, Glaube und Vernunft, die hier in Form einer Fabel gegeneinander abgewogen werden. Daß bei solch grundlegenden Themen Kinder die überzeugendsten Figuren darstellen, ist nur der traurige Tribut an die rational-pragmatische Ausrichtung des modernen Lebens. Für die Rezeption eines Märchens hat das Alter aber wohl nie eine große Rolle gespielt, weshalb Millions sich in seiner Aussage durchaus nicht allein an die Jüngsten unter uns wendet. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap