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Million Dollar Baby

USA 2004. R,M: Clint Eastwood. B: Paul Haggis. K: Tom Stern. S: Joel Cox. P: Malpaso, Warner, Lakeshore. D: Clint Eastwood, Hilary Swank, Morgan Freeman, Jay Baruchel u.a.
133 Min. Kinowelt ab 24.3.05

Der alte Mann und das Mar Adentro

Von Daniel Bickermann Mein Opa ist inzwischen fast 80, und er war seit gut zwanzig Jahren nicht mehr im Kino. Ihm sind die heutigen Filme zu laut, zu schrill, und vor allem zu einfach, er kommt sich seltsam vor zwischen all den 15jährigen, die da popcornkauend den Tod des Bösewichts bejubeln. Und manchmal weiß ich genau, was er meint. Nun bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn überreden kann, sich für Million Dollar Baby noch einmal ins Kino zu wagen, aber ich würde Menschen wie ihm mehr solcher Filme wünschen – und Filmen wie diesem mehr solcher Zuschauer.

Eastwood wird dieses Jahr 75 und muß nun endgültig als Vorbild dafür herhalten, wie man nicht nur als Schauspieler und Regisseur, sondern auch als Mann in Würde altert. Irgendwie gelingt es ihm in diesem Film erneut (und vielleicht besser als je zuvor), eine Wertediskussion zu eröffnen, ohne konservativ zu erscheinen, schnörkellos zu inszenieren, dabei aber kunstvoll zu bleiben, und Männlichkeit in den Film zu bringen, ohne ins Machismo abzurutschen.

Verwirrte Kollegen schrieben gerne, in den Filmen Eastwoods gäbe es einen »falschen Männlichkeitswahn« – als könnten sie richtige und falsche Männlichkeit definieren, ein gewollt liberaler, in Wirklichkeit erschütternd rückschrittlicher Gedanke, der als nächstes vermutlich dem Piano einen falschen Weiblichkeitswahn unterstellt und Citizen Kane einen falschen Menschlichkeitswahn. Was stimmt, ist, daß Männlichkeit bei Eastwood immer eine Rolle spielt, und Million Dollar Baby ist da keine Ausnahme. Aber Maskulinität läßt sich nicht aus Testosteron herleiten, sondern aus einer gewissen Haltung (nüchtern, schweigsam, aber auch tragisch und zerbrechlich) und bestimmten Themen (Ehre, Verantwortung, Schuld). Und dieser Film, der praktisch ohne Vorbereitungszeit auskommen mußte und den Eastwood angeblich innerhalb einer einzigen Woche geschnitten hat, ohne nebenher sein Golfspiel zu vernachlässigen, trifft perfekt den angepeilten Tonfall eines getragenen, erwachsenen Werkes: Viele Bilder hier erinnern an die lakonischen Atmosphären Edward Hoppers, der markante Erzählstil könnte direkt von Ernest Hemingway stammen. Man spürt das dankenswerte Verlangen, die Geschichte so unsentimental wie möglich zu erzählen, und Eastwoods selbstkomponierter Soundtrack setzt keine seiner leisen Noten zuviel oder zu dramatisch.

Mann zu sein, das heißt für Eastwood dieses Mal: Vater sein, geistig oder körperlich, Verantwortung zu übernehmen und mit den Konsequenzen zu leben. Und dies wiederum macht einsam. Es gibt in Eastwoods Filmen längst keine absolute Moral mehr, keine brauchbaren Standards oder Vorschriften, keine Familie, keinen Trainer, keine Antworten und letztlich auch keinen Gott, nur die hilflosen Individuen, die an ihren eigenen Entscheidungen zerbrechen.

Man merkt schon: Eastwoods früher oft unbeschwerter Humor ist verbittert, und sein Weltbild ist inzwischen so schwarz, alt und kahl geworden wie Morgan Freemans trockener Ich-Erzähler. Wer ins Kino geht und Rocky mit Frauen erwartet, sollte fernbleiben. Das hier ist nicht Rocky, das ist nicht mal Raging Bull, das ist eher Erbarmungslos mit Handschuhen. Boxen ist ein Sport für Verlierer, die nichts mehr zu geben haben außer ihrer Gesundheit, daraus macht Eastwood keine Sekunde lang einen Hehl. Man boxt, wenn das restliche Leben vorbei ist, es ist ein dreckiger und immer auch unfairer Sport. Passend zu diesen düsteren Tönen hat Tom Stern so dunkel gefilmt wie seit den Tagen von Gordon Willis wohl keiner mehr, er malt lange, tiefe Schatten auf die Gesichter und läßt oft nur winzige, gequälte Portionen der Gesichter aus der Finsternis hervorragen.

Aber es gibt auch Wärme und Trost, gerade in der Freundschaft, die wieder einmal zwischen den Figuren Eastwoods und Freemans herrscht. Diese beiden müssen inzwischen so etwas wie ein blindes Verständnis aufgebaut haben, und wenn sie sich in diesem Film wie ein altes Ehepaar über Socken, Geld und das Fernsehprogramm kabbeln, dann gehört das zu den ganz großen Kinofreuden des Jahres. Gleichzeitig versteht es Drehbuchautor Haggis, die Verbindung der beiden emotional äußerst komplex zu halten, da spielen Schichten von Schuld und Zuneigung mit, die erst langsam im Laufe des Filmes freigelegt werden können.

Zusammen mit der erneut herausragenden Hilary Swank, der vielleicht intensivsten und leinwandpräsentesten Hollywoodschauspielerin seit der jungen Meryl Streep, ergibt sich ein Protagonistentrio, von dem der Film praktisch keine Abschweifungen macht. Geradlinig, geduldig und konzentriert erzählt Eastwood eine große, schwere Tragödie, ein grausames Stück Wahrheit, das keineswegs überraschend ins Unglück kippt, sondern im Prinzip von Anfang an darauf zusteuerte. Bezeichnend, daß Eastwood sich die »Cut Men« als Protagonisten ausgesucht hat, jene Helfer, die beim Boxkampf versuchen müssen, die schlimmsten Wunden zu flicken, die Blutung wenigstens kurzfristig zu stoppen, und die doch wissen, daß der nächste Schlag alles wieder zunichte machen wird.

Million Dollar Baby hat durchaus verdient den Oscar für den besten Film mitgenommen. Er ist nicht zu schnell, nicht zu schrill und keinesfalls zu einfach. Ich hoffe, ich werde auch einmal so klug, wenn ich 75 bin. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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