Mikrokosmos

F 1996. R,K: Claude Nuridsany, Marie Perennou. S: Marie-Josèphe Yoyotte u.a. M: Bruno Coulais.
77 Min. Pandora ab 31.10.96
Von Saskia Vömel Zu einem der ersten Bilder aus dem Mikrokosmos der leinwandfüllenden Insekten von Claude Nuridsany und Marie Perennou gehört ein der Borke eines Baumes perfekt angepaßter Falter. Und genauso, wie er seine Oberflügel zu Seite zieht und den Blick auf seine bunten Flügel freigibt, zeigt uns der Dokumentarfilm die andere Seite der meist als häßlich verachteten Krabbeltiere. »Open your eyes before you die« singt eine Jungenstimme im Titelsong.

Immer wieder wird Übergroßes mit dem Winzigen verknüpft. So wird die Aufnahme von sich im Zeitraffer ballenden Wolken mit der Makroaufnahme eines Regentropfens in Zeitlupe verbunden, der dann bombenähnlich das Insektenreich heimsucht. Mal verfolgt die Kamera meterweit den Flug einer Biene über ein rotes Mohnfeld – das auch wie durch ein Facettenauge in subjektiver Bienensicht bläulich grobgerastert zu sehen ist – und mal bewegt sich die Kamera nur Millimeter, wenn sie zu Opernklängen langsam über die anmutig (!) wirkenden Körper zweier im Liebesspiel vertiefter Schnecken gleitet.

Zwischendurch taucht sie immer wieder aus dem Mikrokosmos der Insekten auf, zeigt Landschaftsbilder, zeigt die Distanz zwischen den Welten. Das Geheimnis des Films liegt nicht nur darin, daß man menschliche Züge an den zahlreichen Insektenarten entdecken kann, wie z.B. bei dem Mistkäfer, der sich Sisyphus gleich mit seinem Mistballen plagt, sondern vor allem an den farbintensiven, mit Spiegelungen und Tiefenschärfe spielenden Bildern. Der Sound macht die Bilder plastisch – es trippelt, knabbert, knistert und surrt; die Musik mit viel Percussion, Xylophon, Harfe und Gesang kommentiert die Aufnahmen, so daß, bis auf eine kurze Einführung, keine menschliche Stimme nötig ist. Später sieht man die Wiese am Morgen, hört Glockengeläut und Kinderstimmen; diesmal hat man den Mikrokosmos endgültig verlassen, aber noch lange nicht vergessen.

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #04.

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