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Miffo

S 2003. R: Daniel Lind Lagerlöf. B: Malin Lind Lagerlöf. K: Olof Johnson. S: Anders Nylander. P: Hagring, Sonet Film. D: Kajsa Ernst, Ingvar Hirdwall, Livia Millhagen, Jonas Karlsson u.a.
105 Min. Arsenal ab 16.9.04

Neurosenstrauß

Von Maxi Braun Tobias, attraktiver Jungpriester in einem heruntergekommenen Stadtviertel in Schweden, hat gerade Carolas Wohnung verlassen. Bonnie Tylers markantes Reibeisentimbre schwillt im Hintergrund an. Er läuft schneller, sein Lächeln wird immer breiter. Tobias überquert einen in Flutlicht getauchten Fußballplatz. Von der anderen Seite kommt Carola auf ihn zu, und »It´s a Heartache« scheint die kühle Dunkelheit gänzlich zu erfüllen. Wir umkreisen die beiden, als sie sich in der Mitte begegnen und Carola ihren Rollstuhl so kraftvoll nach hinten stößt, daß er vom Rand der Welt rollen könnte. Endlich verlieren sie sich in einem Kuß, doch alles ist nur ein schöner Traum.

Tobias wird sich in Carola verlieben, kann aber mit ihrer Lähmung von der Hüfte abwärts und ihren sozialen Problemen nicht umgehen. Ein fescher Priester in Liebesnöten – klingt verdächtig nach der Rezeptur von Edward Nortons Regiedebüt Keeping the Faith. Wo im Herzen von New York liebenswürdige Neurosen und ein Schuß Romantik schon eine charmante Komödie ergeben, ist Miffo jedoch schwärzer, ernster und dabei irgendwie viel lustiger. Natürlich kommen wir auch in Miffo, was im Englischen »Freaks« bedeutet, nicht daran vorbei, daß sich die füreinander Bestimmten immer wieder verlieren, bevor sie sich am Ende finden können.

Die Probleme der Protagonisten sind hier jedoch echt und nicht aus dem egozentrischen Universums eines Woody Allen hervorgezaubert. Themen wie Armut und Behinderung packt Regisseur Daniel Lind Lagerlöf mit fester Hand und dem typisch skandinavischen Humor an und verzichtet auf zuckergußartige Rührseligkeit. Unterstützt von der Kamera Olof Johnsons, die mal passiver Beobachter aus der omnipotenten Perspektive Gottes zu sein scheint, sich mal von der Dynamik des Treibens auf der Erde anstecken läßt, führt er die Ideen einer harmlosen romantischen Komödie weiter. Er bohrt ein wenig tiefer und legt so einen Mix aus Mainstream und schrulliger Romanze frei, bei der Jonas Karlsson als Tobias durch die Hölle der Fettnäpfchen waten muß. Und wenn Neuentdeckung Livia Millhagen erstmals wie ein Bauarbeiter flucht, verlieben wir uns ebenfalls in sie. Da kann Bonnie noch so oft davon erzählen, daß die Liebe nichts als ein einziger Herzschmerz sei. Wir werden es trotzdem immer wieder versuchen! 1970-01-01 01:00
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