— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Michael Collins

GB/IRL 1996. R,B: Neil Jordan. K: Chris Menges. S: J. Patrick Duffner, Tony Lawson. M: Elliot Goldenthal. D: Liam Neeson, Julia Robert, Aidan Quinn, Alan Rickman, Stephen Rea, Charles Dance u.a.
120 Min. Warner ab 3.4.97
Von Thomas Meißner Irland ist eine grüne Insel. Grün ist die Natur, und grün sind die Uniformen der Soldaten, der Polizisten. Das ist heute noch so wie vor achtzig Jahren, doch glaubt man den Bildern des Films Michael Collins, dann war damals alles noch ein bißchen grüner – in jeglicher Hinsicht.

Wir schreiben das Jahr 1916. Das irische Volk wird seit 700 Jahren von der britischen Krone unterdrückt und versucht zum zigten Mal, sich zu befreien; diesmal eine Woche lang. Doch wieder siegt die Besatzungsmacht, und viele brave Männer kommen ins Gefängnis, unter ihnen auch ein Mann namens Michael Collins. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, beschließt er, jetzt alles anders zu machen: kein offener Aufstand mehr, vielmehr gründet er eine Untergrundarmee, eine gewisse »Irish Republican Army«.

In Guerilla-Taktik mischen die Männer die britischen Soldaten und Polizisten auf, tauchen aus dem Dunkel auf, töten schnell und verschwinden wieder in der Masse. Den Britischen Besatzern bleibt nichts anderes übrig, als in Verhandlungen mit den Iren zu treten. Aus ihnen resultiert eine gewisse Unabhängigkeit für Irland, die Freiheitskämpfer Michael Collins als ersten Schritt hin zu einer Irischen Republik sieht, die Gegner des Vertrags jedoch als einen Verrat an ihrem Kampf verstehen. Ein Bürgerkrieg bricht aus, und Michael Collins wird erschossen. Und wie das mit toten Helden so ist, gilt er von da an in Irland als der Kämpfer für Freiheit und Recht.

Der historischen Stoffe gab es in der jüngeren Vergangenheit auf der Leinwand viele, von Oskar Schindler über Rob Roy bis hin zu eben Michael Collins. Und hoppla, was fällt einem da auf? Die wurden ja alle von einem Schauspieler dargestellt! Liam Neeson ist auf der Leinwand das Synonym für Gerechtigkeit, Kampf gegen Unterdrückung und Auflehnung gegen die Obrigkeit. Der Part des Michael Collins scheint ihm auf den Leib geschrieben – kein Wunder für einen Iren. Nicht umsonst hatte Regisseur und Drehbuchautor Neil Jordan, als er vor mehr als zehn Jahren das Projekt Michael Collins in Angriff nahm, Liam Neeson für die Titelrolle vorgesehen. Und der liefert eine feinfühlige Charakterstudie ab.

Sein Michael Collins ist kein brutaler Terrorist, kein Fanatiker, der alles Menschliche für sein Ziel auf der Strecke läßt. Er weiß, daß Töten nötig ist, aber er badet nicht in Blut. Und wer läßt ihn eine menschliche Ader behalten? Natürlich eine Frau. Kitty Kiernan, eine zarte, aber starke Frau ist Collins' späte Lebenspartnerin gewesen; sie kämpfte nicht an seiner Seite, sie war sein ruhender Pol. Pretty woman Julia Roberts, die schon in Prêt-à-Porter bewies, daß sie mehr kann als auf Stöckelschuhen Richard Gere umgarnen, spielt die Kitty erfreulich zurückhaltend und sensibel.

Feinfühlig, zurückhaltend, sensibel – das sind die Merkmale dieses Films. Aidan Quinn, bekannt aus Legenden der Leidenschaft und Mary Shelley's Frankenstein gibt dem Collins-Freund Harry Boland sehr wohl einen eigenen Charakter – vom unbedingten Anhänger zum erbitternden Feind des Revolutionärs. Auch Alan Rickman, der den Sheriff von Nottingham in Robin Hood – König der Diebe verkörperte, überzeugt als Vorsitzender des irischen Schattenkabinets Eamon de Valera. Ebenso sind die anderen Rollen glänzend besetzt: Stephen Rea, zuletzt in Prêt-à-Porter auf der Leinwand zu sehen, gibt einen guten Detective ab, dem man seinen Gesinnungswechsel hin zur Seite Michael Collins' abnimmt.

Irgendeinen Schauspieler herauszuheben, fällt schwer, selbst Liam Neeson ordnet seine Rolle dem Gesamtgeschehen unter. Dies ist das Verdienst Neil Jordans, dem es offensichtlich ein Anliegen war, eine Geschichte zu erzählen, die es nicht nötig hat, von Stars getragen zu werden, sondern aus sich selbst heraus spricht. Das ist gelungen, nicht zuletzt, weil sie an Originalschauplätzen gedreht und mit Statisten aus Irland bestückt wurde, denen man abnimmt, daß sie auch heute noch mal gerne einen Aufstand gegen das Britische Empire anzetteln würden.

Michael Collins ist kein oscarverdächtiger Historienschinken, sondern ein Film, der sechs Jahre der Geschichte Irlands erzählt, anhand eines seiner Helden, des Freiheitskämpfers, der im Alter von 31 Jahren bei seinem Kampf für den Frieden erschossen wurde. Nicht mehr, aber wahrlich auch nicht weniger. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap