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Meschugge

D 1998. R,B,S: Dani Levy. B: Maria Schrader. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Sabine Hoffmann, Ueli Christen. M: Niki Reiser. D: Maria Schrader, Dani Levy, David Strathairn, Nicole Heesters, Jeffrey Wright, Lukas Ammann u.a.
107 Min. Jugendfilm ab 11.3.99

Keine Gnade der späten Geburt

Von Oliver Baumgarten Lodernde Flammen zerstören eine Schokoladenfabrik. Der Besitz der Familie Goldberg wird in Schutt und Asche gelegt und bleibt nur sinnbildhafter Vorbote für das Schicksal der Familie selbst. So unvermeidlich die Schokolade durch Hitze in die Konsistenz des Flüssigen flieht, so verflüchtigt sich auch eine auf Lügen erbaute Scheinstabilität des Lebens. Am Anfang war das Feuer, und es hinterläßt als Phoenix eine unvorbereitete Generation.

Dem bürgerlich-konservativen Wunschbild der Familie als Hort von Sicherheit und Geborgenheit, als Vorbild übergeordneter Gemeinschaften, gehen der X-Filmer Dani Levy und Maria Schrader an den staubigen Kragen und verarbeiten nicht erlebte deutsche Vergangenheit in erlebbarer Gegenwart. Was im geflügelten Wort der »Gnade der späten Geburt« leicht als Absolution mißverstanden werden kann, formuliert Meschugge als generationsverschobene Chance.

Jener Brand in der Fabrik des bekannten jüdischen Industriellen Eliah Goldberg schlägt Empörungswellen bis nach New York, wo Ruth Fish in dem Greis ihren vermißten Vater zu erkennen glaubt. Gleichzeitig entfliehen Goldbergs Tochter und Enkelin dem Trubel in Deutschland nach New York. Enkelin Lena Katz (Maria Schrader) entdeckt noch am selben Tag im Hotel ihrer Mutter (Nicole Heesters) eine schwerverletzte Frau und sieht kurz darauf ihre verstört wirkende Mutter wieder abfliegen.

Noch im Krankenhaus lernt Lena den Sohn der mittlerweile Verstorbenen kennen: David Fish (Dani Levy). David, der den rätselhaften Tod seiner Mutter durch einen Ermittler erforschen läßt, und Lena raufen sich in ihrer Verwirrung zusammen. Langsam entwickelt sich nicht nur ihre Liebe, sondern auch die Gewißheit, daß das Schicksal ihrer beiden Familien in der Vergangenheit eng verknüpft wurde.

Mit dem vibrierend vitalen Look eines amerikanischen Independentfilms gelingt Levy und Schrader die beklemmende Konstruktion eines finsteren Familiengeheimnisses aus der NS-Zeit, dessen Einfluß die eigene Gegenwart erschüttert und eine dem Geburtsschein nach unbeteiligte Generation zum Nachsitzen zwingt. Die satten Cinemascope-Bilder des großartigen Carl F. Koschnick betten die eindrucksvollen Leistungen Schraders, Strathairns und speziell der großen Nicole Heesters in eine authentische Grundstimmung, die sich, wie die Figuren, der leidigen Täter-Opfer-Frage größtenteils auf angenehme Weise entzieht.

Levy gelingt es, seine durch RobbyKallePaul oder Stille Nacht geprägte, extrem persönliche Erzählweise und speziell auch seine filmische Figur einem globaleren Kontext unterzuordnen und erleichtert damit dem Zuschauer die Identifikation. Die Crew (u.a. wieder mit Komponist Niki Reiser und einem eindringlichen Score), nach einer Reihe gelungener Projekte offenbar selbst eine Art kreative Familie, schuf mit Meschugge einen Film, der, ob seiner technischen Sorgfalt und vielleicht gerade weil er von einer persönlichen Ausstrahlung lebt, den internationalen Vergleich nicht scheuen muß. Dort wird er auch einen weiteren Pluspunkt verbuchen können: Er ist auf englisch gedreht. Das wiederum birgt für Deutschland die verleihpolitische Notwendigkeit einer Synchronfassung. Und die ist – mit Verlaub – dürftig, dürftig. 1970-01-01 01:00

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