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Memento

USA 2000. R,B: Christopher Nolan. B: Jonathan Nolan. K: Wally Pfister. S: Dody Dorn. M: David Julyan. P: I Remember, Newmarket Capital Group, Team Todd. D: Guy Pearce, Carrie-Anne Moss, Russ Fega u.a.
113 Min. Helkon ab 13.12.01

Phantasie = Welt

Von Rüdiger Suchsland Manchmal kann das Kino Rettung sein. Rettung vor der Welt, so wie die Krankheit Geborgenheit bieten kann vor den Zumutungen der Gesundheit, das Gefängnis einer persönlichen Phantasiewelt Befreiung sein kann aus den Ketten des Strebens nach Glück im Realen. So geht es einem in Memento.

Christopher Nolans kaleidoskopischer Thriller bietet Zuflucht in der Psychose, Klarheit in der Irritation. Ein frappierendes Erlebnis. Ein Film wie eine Krankheit, die erleichtert, wie Gefängnis, das befreit, Erfahrungen reiner Paradoxie. Erkenntnisgewinne ohne Wissenszuwachs, Einsicht im Sinnlosen. Denn darüber, daß Memento vor allem eine Zumutung ist, Gehirnslapstik, der seinen Humor hinter der Geste der Seriosität, dramaturgische Fragwürdigkeit hinter Brillianz verbirgt, sollte sich auch der nicht hinwegtäuschen, der – ganz zu recht – begeistert ist von Ideen und Einfallsreichtum dieses ungewöhnlichen Films.

Denn Nolan gelingt eine philosophische Meditation über das Sehen und sein Verhältnis zum Denken, zur Erinnerung, seine Rolle bei der Konstruktion dessen, was wir Realität nennen. Der Regisseur, der Memento nach einer Kurzgeschichte seines Bruders schrieb, nimmt die Kinoerfahrung, daß man in Bildern denken kann, daß die Grenzen meiner Bilder auch die Grenzen meiner Welt sind, wörtlich und führt sie konsequent fort.

Ein Mord am Anfang. Gekennzeichnet durch die Blutlache auf einem Polaroid. Lange Sekunden dauert es, bis man diese ersten Bilder überhaupt versteht: das Foto, das allmählich verblaßt, das Blut, das sich auf ihm bewegt, fließt – aber rückwärts. Dann ist das Blatt weiß, schnappt in die Kamera hinein, eine Kugel verläßt die Hand eines Mannes, dringt ein in den Lauf der Pistole.

Ein grundsätzlicher Sprung in der Zeitachse, ihre Um-Drehung sind das Erzählprinzip des Films. Dessen Sinn liegt im Versuch, das Denken eines Mannes in Bilder zu fassen, dem die eigene Vergangenheit abhanden kommt. Immer wieder steht Leonard Shelby am Nullpunkt. Er weiß, was geschah, bevor seine Frau ermordet wurde, er weiß, daß er die Tat rächen will, und er weiß – woher eigentlich? – daß er sein Kurzzeitgedächtnis verlor. Doch das ist zu wenig, denn sonst weiß er gar nichts.

Und so ist Memento nicht zuletzt die Film gewordene Erfahrung dieses gedächtnislosen Zustandes. Ein Anti-Proust, weil hier einer gerade darunter leidet, daß er eine Zeit nicht mehr besitzt, die er verlieren könnte. Die Distanz, die der Zuschauer immer zur Hauptfigur behält, die eher noch zunimmt im Laufe des Films, ist notwendig. Es ist die Distanz, die Shelby zu sich selber hat. Denn wenn das Ich die Fülle von Erinnerungen und Erfahrungen ist, die Ordnung des Gedächtnisses, dann lebt dieser Shelby im Zustand fortwährender Ich-Entfremdung. Einzige Stützen im Niemandsland des Jetzt sind die Polaroids, die er macht und Notizen, die er auf sie kritzelt, oder die er sich selbst auf seinen Körper eintätowiert.

Dies sind starke, aber auch dankbare und – seien wir ehrlich – nicht ganz neue Motive: Schreibmanie gegen Gedächtnisverlust; Erinnerung als etwas, das sich in den Körper einschreibt; die Identifizierung von Körper und Schrift; der Doppelsinn der sich Selbst-Beschreibung. Für den Zuschauer ist Shelbys Psychose noch gesteigert, nimmt die Komplexität noch zu, weil er sich ja – durch die reverse Struktur – an das erinnert, was kommen wird, und deswegen die Ursachen von Folgen her analysieren kann, eine Ordnung der Empirie herstellt, die doch immer wieder durch die entsprechende – unerwartete – Vorgeschichte aufgebrochen wird.

So ist Memento zwar wie gesagt auch ein Thriller, aber doch vor allem ein Zweifeln an sich selber, eine Übung in Skepsis gegenüber der Eindeutigkeit der Zeichen, der Glaubwürdigkeit des Sichtbaren. Und am Ende die Lektion, das Sehen vom Wegsehen eben nicht zu trennen ist. Die Wahl der Phantasie, eine Verteidigung der Lüge im ganz und gar außermoralischen Sinn. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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