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Melinda und Melinda

Melinda and Melinda. USA 2004. R,B: Woody Allen. K: Vilmos Zsigmond. S: Alisa Lepselter. P: Fox Searchlight. D: Radha Mitchell, Chloë Sevigny, Jonny Lee Miller, Will Ferrell, Amanda Peet u.a.
100 Min. Fox ab 23.6.05

Das Drama bleibt Theorie

Von Oliver Baumgarten Woody Allens filmischer Kosmos dreht sich von jeher um das Aufspüren der Komödie im Drama und des Dramas in der Komödie. Die Konservierung der geschlossenen klassischen Formen ist ihm noch nie gelungen. Weder in seinen klamaukigsten Slapstickfilmen im Stile eines Sleeper noch in den sinistren Bergman-Hommagen eines Interiors: An der Trennung des gestrengen Faches ist er im Grunde stets gescheitert. Seine Figuren halten das reine Drama nicht aus, sie können es partout nicht ernst nehmen. Sie benehmen sich ganz so, wie es eine von ihnen einmal formuliert hat: »Nicht die Kunst imitiert das Leben, sondern das Leben imitiert die Kunst.« Und so geben sie sich Film für Film größte Mühe, das geschlossene Drama nachzuahmen – allein, es fehlt die Überzeugung. An der pessimistischen Grundhaltung mangelt es indes keineswegs: Die Geschichten, sei es in der Komödie oder im Drama, enden immer gleich. Immer gleich traurig. Und dann, so scheinen seine Figuren sich stets zu sagen, dann gehen sie doch besser den Weg über die Komödie.

Fast erstaunlich mag es angesichts dieses Woody Allenschen Kosmos' anmuten, daß er einen Film wie Melinda und Melinda erst jetzt dreht im, sagen wir mal, Spätsommer seiner so fleißigen Karriere. Stehen doch die Geschehnisse um Melinda stellvertretend für dieses gespaltene Verhältnis zur aristotelischen Ordnung. In einem kleinen Experiment nämlich erzählt Woody Allen Melindas Geschichte parallel montiert zweimal – eben als Drama und als Komödie. Daß er sich und seinen Zwiespalt dabei allerdings nicht wirklich ernst nimmt, zeigt sich im Konstrukt seines Films. In der Rahmenhandlung sitzen vier Freunde abends zusammen und machen sich als Zeitvertreib ein Vergnügen daraus, eine Anekdote um jene Melinda in den erwähnten zwei Varianten fortzuspinnen. Melindas doppelte Geschichte erhält damit nicht einmal auf der Filmebene einen wahrhaftigen Anspruch, sondern verläßt auch hier den rein hypothetischen Raum nicht. Das Drama bleibt reine Theorie, während die Komödie durch die Parallelmontage im Gesamten obsiegt.

Der Ausgangspunkt beider Geschichten entspringt der Anekdote über eine leicht verwirrt wirkende junge Frau, Melinda, die eines Abends in eine private Dinnerparty platzt, die ein Ehepaar gibt, weil es sich von den Gästen ein berufliches Weiterkommen erhofft. Der Einfall (im Friedrich Dürrenmattschen Sinne durchaus wörtlich zu nehmen) als Voraussetzung für die Komödie: Schon für diese Grundsituation nimmt sich Allen einen Komödien-Klassiker und torpediert sein gesamtes Konzept bereits am Beginn. Daß dies am Ende dennoch auf charmanteste Weise gelingt, ist fraglos erneut seiner unfaßbar entspannten Inszenierung geschuldet. Nach wie vor wirken seine Filme wie aus einem Guß, obwohl von seinem altbewährten Stab kaum noch jemand dabei ist (eine der Ausnahmen bildet Santo Loquasto, dessen Production Design wohl auf ewig mein New York-Bild prägen wird). Kinderleicht wirkt die Montage, zwingend jede Kameraposition, absolut natürlich das Spiel der Darsteller. Das mag zunächst unspektakulär erscheinen, doch diese zur Perfektion getriebene visuelle Klarheit ist die reine Wohltat – jene Wohltat, die sich trotz gewisser Abnutzungseffekte seit Jahren bei Woody Allen einstellt. Zudem fasziniert auch in Melinda und Melinda Allens Fähigkeit, B-Komiker wie Will Ferrell (Saturday Night Live) so natürlich in seine Welt und ins gesamte Ensemble zu integrieren, als hätte dieser nie woanders gespielt.

Am Ende des Films übrigens freuen sich die vier Freunde von allen Figuren am meisten – sie hatten einen gelungenen Abend. Die Zuschauer indes müssen wieder raus, in ihren Alltag, und jeden Tag aufs neue entscheiden über Drama und Komödie. 1970-01-01 01:00

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