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Mein Stern

A/D 2001. R,B: Valeska Grisebach. K: Bernhard Keller. S: Anja Salomonowitz. P: Filmakademie Wien, HFF »Konrad Wolf«. D: Nicole Gläsner, Christopher Schöps, Monique Gläsner, Jeanine Gläsner, Sebastian Rinka, Christina Sandke u.a.
65 Min. Peripher ab 3.1.02
Von Carsten Tritt Zu den Problemen der Jury des 19. Turiner Filmfestivals hätte man auf den ersten Blick wohl kaum die Aufgabe gezählt, einen würdigen Preisträger für den Internationalen Wettbewerb zu finden. Schließlich bot das Programm so manche Highlights: Das koreanische Gangsterepos Chingu von Kwak Kyung-taek oder der uruguayanische Unterhaltungsfilm En la puta vida von Beatriz Flores Silva waren nur zwei der wunderbaren Entdeckungen. Dennoch war es eine mutige Entscheidung der Jury, daß sie den Hauptpreis ausgerechnet – aber auch völlig zu recht – an Valeska Grisebach für ihren Beitrag Mein Stern vergab.

Mein Stern ist eine Liebesgeschichte unter Jugendlichen im Arbeitermilieu, ihr sind allerdings heuchlerische Sozialromantik im Stile von Engel & Joe ebenso fremd wie die schönen englischen Proletariermärchen von z.B. Cattaneo. Grisebach hat sich konsequentem Realismus verschrieben. Bisher hat sie drei kurze Dokumentationen gemacht, und die dort gewonnenen Erfahrungen waren unzweifelhaft die Grundlage für diesen ihren ersten fiktiven Film, der mit etwas über einer Stunde gerade eben Spielfilmlänge erreicht, und der wohl der realistischste Film der letzten Jahre sein dürfte.

Dabei ist vor allem erstaunlich, wie detailgetreu sie ihre Protagonisten darstellt, als Hauptfiguren das Liebespärchen Nicole und Christopher, die gerade den Weg von der Kindheit zum Erwachsenwerden beschreiten. In ihrer Inszenierung verzichtet sie auf alles, was Akzente setzen, also auch künstlich wirken könnte. Schon die Dialoge bestehen vor allem aus »hmm« und »ja« und dazwischen ganz viel Schweigen. Statt »Es ist der Ost und Julia die Sonne« heißt es hier »Du, hat dir schon mal jemand gesagt, daß du so schön bist wie das siebte Weltwunder«; der Anfang einer großen Liebe.

Die Filmemacherin setzt auf Laien, die vor allem sich selbst spielen, und zwar in einer Natürlichkeit, wie sie kein Schauspieler in dieser Altersklasse erreichen könnte, und erreicht Dialogmomente, die so kaum ein Autor schreiben könnte. Wenn etwa Nicoles jüngere Schwester sich eine Geschichte um einen Traumprizen ausdenkt, erzählt sie diese, wie das ein Kind wirklich macht, nämlich völlig unkonzeptioniert und ohne jegliches Gefühl für dramaturgischen Aufbau.

Dabei läßt auch Mein Stern selbst kaum eine Dramaturgie aufkommen, denn zugunsten des Realismus verzichtet Grisebach auf jegliche Übertreibung oder künstliche Einfügung von Handlungssträngen, und selbst die zentrale Liebesgeschichte ist nur mit Zurückhaltung vorgetragen. Kameraführung und Schnitt bleiben unscheinbar, und natürlich wird auch auf Musikunterlegung verzichtet, außer wenn die Protagonisten selbst Musik hören, seichte Popmusik wie das Lied von Ayman, dem auch der Filmtitel entliehen ist.

Als im Turiner Massimo-Theater die eingangs erwähnte Auszeichnung für Mein Stern verliehen wurde, hielten sich Beifall und Pfiffe in etwa die Waage. Das war nicht mal überraschend, denn der Film ist in seiner Kompromißlosigkeit, die auf Handlungsentwicklung fast verzichtet und seine Faszination allein aus der Abbildung seiner Figuren zieht, alles andere als ein leicht zugängliches Werk. Schließlich ist auch der Rezensent eigentlich entschiedener Vertreter der These, wer Realismus will, möge doch bitte aus dem Fenster, aber nicht auf die Leinwand schauen. Mein Stern stellt hier eine absolute Ausnahme dar: Griesebach ist in dem Realismus eine so feinfühlige Darstellung gelungen, daß der Film nun fast schon wieder poetisch wirkt. 1970-01-01 01:00

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