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Kinski Paganini

I/F 1989. R,B,S: Klaus Kinski. K: Pier Luigi Santi. M: Salvatore Accardo. P: Scena, Reteitalia, President. D: Klaus Kinski, Debora Kinski, Nikolai Kinski, Marcel Marceau, Bernard Blier u.a.
85 Min. Carsten Frank ab 7.10.99

Mein liebster Feind

D 1999. R,B: Werner Herzog. K: Peter Zeitlinger. S: Joe Bini. M: Popol Vuh. P: Werner Herzog, Zephir, Café. D: Klaus Kinski, Werner Herzog, Claudia Cardinale u.a.
95 Min. Zephir ab 7.10.99
Von Oliver Baumgarten Eine dieser bestialisch stinkenden Scheißhaus- Beschäftigungen ist ausgeschissene, im Druck ausgeschmierte, wie Hundescheiße verbreitete und alles besudelnde Kritik. Ist das ein Beruf, Kritiker? […Diese] impotent sabbernde[n] Paralytiker, impertinent und arrogant wie Sektierer.
(Klaus Kinski in: »Ich brauche Liebe«)

Mit ganzen drei Seiten lustiger Fäkalprosa ehrt Kinski in seiner berüchtigten »Autobiographie« einen Berufsstand, der in diesem Herbst zweier Filmstarts wegen noch einmal haufenweise Scheiße auf sein posthum erschienenes Werk abladen darf. Es sind mit Werner Herzogs Dokumentation Mein liebtster Feind und Kinskis eigener Regiearbeit Kinski Paganini, die nach zehn Jahren endlich auch in Deutschland auf der Leinwand zu sehen ist, zwei Werke, die sich auf unterschiedliche Weise der Legende Kinski nähern. Während Herzog, von sich als Zentrum ausgehend, seinen überaus persönlichen Beitrag auf den Mythosberg schichtet, bedient Kinski selbst eifrig weiter sein Gesamtkunstwerk.

Mit seinem Tod 1991 starb der einzige echte deutsche Popstar. Seine außergewöhnliche, skandalbehaftete Figur schuf er durch mühevolle Arbeit und manifestierte dieses Bild in seiner bereits erwähnten Autofiktion, die wir so gerne als Biographie lesen würden. In unglaublich ausdauernder Art und Weise türmt er darin Stein um Stein jenen Legenden- und Image-Sockel auf, der ihn als »Freien« zeigt, »der sich weigert, sich zu unterwerfen«, ihn als willensstarken, mißverstandenen, an Erfahrung reichen und nicht kleinzukriegenden Individualisten mit Kunstverstand zeigt, als Sex-Maniac, Anarchisten und Lebenskünstler – als einen, der immer wieder nur Liebe braucht. Er vergötterte die Tragik im Leben des François Villon oder Arthur Rimbaud und sah seine eigene Person nur noch mit ihren Augen. Als weiteres Wunschbild gesellte sich später Niccolò Paganini hinzu, der berüchtigte italienische Teufelsgeiger (1782-1840), dessen Leben Kinski 1989 nach langem Kampf endlich in seiner einzigen Regiearbeit verfilmen konnte. Doch mit dem Porträt Paganinis schuf der Egozentriker einen gigantischen Imagefilm über sich selbst. Zahlreiche Motive seines Buches aufgreifend, zeichnet er sein eigenes Wunschideal: ein einsames, mißverstandenes Genie voll erotisierender Macht.

Diese Fähigkeit, die eigene Person noch über das Werk an sich zu stellen, verbindet ihn mit Werner Herzog. Fünf Höhepunkte des Autorenfilms haben sie zusammen gedreht, und nun, zwölf Jahre nach der letzten gemeinsamen Arbeit, läßt Herzog in Mein liebtster Feind jene berüchtigten Dreharbeiten Revue passieren. Neben Drehorten und privaten Umgebungen sucht er auch Personen auf, die sein Verhältnis zu Kinski erläutern könnten. Es ist dabei nicht immer einfach, zwischen den Zeilen zu lesen, die Herzogs Person in Bild und Text unbescheiden ausfüllt. Auch Herzog vermag den Anschein der eigenen Personality-Show nicht eindeutig zu leugnen, doch gerade diesem Umstand verdankt sein Film die schon immer vermutete Erkenntnis, die beiden konnten bei allem Streit nicht voneinander lassen, weil sie nicht nur ein gleich hohes Maß an kreativem Perfektionismus verbindet, sondern weil es sonst niemanden gab, der sich mit ihrem jeweiligen Ego messen konnte. In Cobra Verde, sagt Herzog, sei Kinski nicht mehr effektiv gewesen. Da habe er schon voll in der Figur des Paganini gesteckt. In einer Selbstinszenierung also, der selbst Herzog nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Sein geliebter Feind war ihm entglitten.

Paganini steht auf der Bühne eines pompösen Theatersaals in Parma und schwingt in sich gekehrt wild den Bogen seiner Violine. Vor der Bühne räkeln sich ekstatisch kreischend zahlreiche Mädchen mit feuchtem Unterrock. Parallel montiert Kinski eine im Tüll masturbierende Schönheit. Paganini als Popstar und gleichsam als Popp-Star. Nicht das aus Herzogs Film zu subsumierende Wortpaar »Genie und Wahnsinn« springt aus Kinskis rohen Bildern, sondern »Genie und Sex«, zwei Worte, die in Kinskis Vorstellung eine Einheit bilden, so, wie sie es schon in seinem verklärten Bild Villons taten, und so, wie er sich selbst gern sah. In assoziativer Dramaturgie zeichnet Kinski Lebensstationen Paganinis nach und schafft mithin wahrhaft ursprüngliche, kraftvolle Bilder. Zusammen mit Pier Luigi Santis wilden Handkamera-Aufnahmen, die, unter Naturlicht- Bedingungen entstanden, phantastische Stimmungen bilden, entwickelt Kinski eine kraß-derbe Romantik.

Auf interessante Weise entspricht die so entstandene Bildsprache dem geschriebenen Stil Kinskis. Schon in seiner »Autobiographie« bedient er im Grunde genommen eine Groschenroman-Romantik, die ihre Besonderheit lediglich in der Derbheit der Metaphern findet. Und wenn er in Kinski Paganini recht explizit einen Hengst zeigt, der eine Stute besteigt, während sich eine Frau dem Orgasmus nähert, dann ist das auch nichts großartig Anderes als das Bild der Biene auf der Blume.

Was die Werke der beiden geliebten Feinde an ihrem Genuß behindert, ist hier wie dort die Tonspur. Bei Herzog wünschte ich mir etwas mehr Zeigen und weniger Erklären, und Kinski schwächt durch das durchgehende Geigenspiel die Atmosphäre der visuellen Bilderkraft zum Teil beträchtlich ab. Doch schon aus historischer Sicht dürfen beide Filme als enorme Schätze betrachtet werden, die – ganz nebenbei – Rimbauds Bonmot zu einer neuen Note verhelfen:
»Ich ist ein anderer.« 1970-01-01 01:00

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