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Mein Leben ohne mich

My Life Without Me. CDN/E 2002. R,B: Isabel Coixet. K: Jean-Claude Larrieu. S: Lisa Robison. M: Alfonso de Villalonga. P: El Deseo, Milestone Productions. D: Sarah Polley, Mark Ruffalo, Amanda Plummer, Deborah Harry, Scott Speedman u.a.
100 Min. Tobis ab 4.9.03

Ein kanadisches Kunststück

Von Daniel Bickermann Als der Arzt der 23jährigen Ann sagt, daß sie nur noch drei Wochen zu leben hat, da kann er ihr nicht ins Gesicht schauen. Er konnte das noch nie, gesteht er dann, er kann immer nur auf seine Füße blicken. Ann setzt sich zu ihm, sie reden – und schnell merkt man, daß die Kranke hier verrückterweise ihren Arzt tröstet und nicht umgekehrt.

Das Bewegende an Isabel Coixets Drama ist diese Stärke und der Altruismus seiner Protagonistin. Ohne mit ihrem Schicksal zu hadern, macht sich Ann auf, ihr Leben für den Abschluß zu ordnen. Warum die junge Frau so abgehärtet ist, wird schnell klar: Mit 17 bekam sie ihr erstes Kind, nun wohnt sie mit arbeitslosem Mann und zwei kleinen Töchtern in einem Wohnwagen und arbeitet nachts als Putzfrau. Ihr Vater ist im Gefängnis, ihre Mutter verbittert. Ann wird sich um jeden einzelnen von ihnen kümmern müssen. In einem kleinen Imbiß schreibt sie auf einen Notizblock, was sie noch zu tun hat: Kassetten für ihre Kinder aufnehmen, eine neue Frau für ihren Mann finden, ihren Vater im Knast besuchen – sie weiß, daß die Überlebenden mehr Hilfe brauchen als die Sterbenden. Sich selbst gönnt sie eine Affäre mit dem traurigen Lee, aber selbst das ist eher Lebenshilfe für ihn als hedonistisches Vergnügen für sie.

Das klingt nach schwerem Schicksalskino, nach Sozialdrama oder Rührstück. Doch die Gratwanderung zwischen diesen Abgründen gelingt meisterhaft, was zwar durchaus auch Verdienst der überraschend feinfühligen Regisseurin Coixet ist – aber vor allem eine Leistung der Hauptdarstellerin Sarah Polley. Schon seit ihren Auftritten bei Liman, Cronenberg und Egoyan war sie ein weithin sichtbarer Stern am kanadischen Kinohimmel, aber als todkranke Ann übertrifft sie selbst hochgesteckte Erwartungen und liefert eine der einprägsamsten Performances dieses Kinojahres ab. Ohne jedes Pathos, mit dezenter, aber eindringlicher Spielweise hält sie jede Sekunde Spannung in einer Geschichte, deren Ende früh angekündigt ist. Der Film und sein bittersüßer Ton ist ohne sie undenkbar.

Die Bedingungen für eine solche Meisterleistung sind aber auch ideal. Mit Coixet war eine sensible Regisseurin zur Stelle, mit den Brüdern Almodóvar ein dramenerfahrenes Produzententeam und mit dem stillen Mark Ruffalo und der ergreifenden Debby Harry ein paar fabelhafte Nebendarsteller. Und so ist aus Mein Leben ohne mich eines dieser kleinen, zutiefst rührenden Kunststücke geworden, die in den letzten Jahren in den Außenbezirken der nordamerikanischen Filmindustrie immer wieder aufblühen, sei es Kenneth Lonergans You Can Count on Me oder Todd Fields In the Bedroom.

Ein trauriger Film, der sich in seiner Stimmung nicht verliert, der trotzdem ernsthaft bleibt und Fragen aufwirft. Ein Film, der Sarah Polley international noch berühmter machen wird, auch wenn die Academy sie bis zum Februar schon wieder vergessen haben wird. Ein Film, den man sich gemeinsam anschauen sollte, ein bewegender Film und einer, den man auf keinen Fall verpassen sollte. 1970-01-01 01:00

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