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Mein langsames Leben

D 2000. R,B,S: Angela Schanelec. K: Reinhold Vorschneider. S: Bettina Böhler. P: Schramm Film. D: Ursina Lardi, Andreas Patton, Anne Tismer, Wolfgang Michael u.a.
85 Min. Peripher ab 20.9.01
Von Jenni Zylka Mein langsames Leben hat noch einen englischen und einen französischen Titel. Auf Englisch heißt der Film Passing Summer und auf Französisch Sophie est partie pour six mois. Alle drei Titel zusammen sind der Inhalt des Films.

Mein langsames Leben ist ein langsamer Film. Ein extrem langsamer. Schnitte sind selten, Einstellungen lasten minutenlang, die Kamera bewegt sich kaum, die Protagonisten sitzen, stehen oder gehen langsam. Die schnellste Bewegung macht Valerie, als sie eine Fliege verscheucht. Am Anfang des Films erzählt Sophie ihrer Freundin Valerie, daß sie für sechs Monate nach Rom geht. Was dort passiert, faßt sie am Ende mit »Es war, wie soll ich sagen, es war für ein halbes Jahr« zusammen. Wir sehen also, was bei den Zuhausegebliebenen in Berlin geschieht. Aber entweder außerhalb des Kamerablicks oder ohnehin außerhalb des Drehbuchs.

Ein Sommer im Leben von ein paar Frauen und Männern um die 30, die Frauen haben fast alle Namen, die mit -»ie« aufhören: Valerie, Sophie, Marie. Das gibt dem Film einen französischen Anstrich, und es unterstreicht die Künstlichkeit. Künstlichkeit von Kunst, könnte man sagen, wenn man es gut meint. Wenn man es nicht gut meint, könnte man die dadurch entstehende Manieriertheit kritisieren. Und die Monotonie: Der Film ist trist. Seine Protagonisten erheben nie die Stimme, lächeln selten, lachen nie, schauen aus dem Bild heraus, sagen ihre Dialoge auf, wenn auch manchmal erstaunlich natürlich. »Schlafen wir zusammen?«, fragt eine Frau einen Mann. »Ja, gern«, antwortet der nur. »Stirbt er?«, fragt Valerie ihren Bruder, den sie vor dem Krankenhaus trifft, in dem der kranke Vater liegt. »Ja, ich glaube schon«, sagt der nur.

Dieses Fehlen von Emotionen beim Reden über Emotionen (es geht fast die ganze Zeit um Beziehungen) macht den Film aber interessanterweise auch an vielen Stellen wahr. Zum Beispiel in jener Geschichte um Valerie und ihren Bruder, die in das Dorf ihrer Kindheit fahren, um den Vater sterben zu sehen. Traurigkeit ist schwierig darzustellen. In den meisten deutschen Filmen wirkt sie lächerlich. Daß die Regisseurin Angela Schanelec diese triste, monotone Form gewählt hat, welche die Zwischentöne stärker herausstellt als das eigentlich Gesagte, läßt sie genau dieses Problem umschiffen. Auch Humor ist in Filmen schwer darzustellen und wirkt meistens so blöd, wie viele deutsche Komödien eben sind. So könnte man diese humorlose Form auch erklären.

Was bleibt von diesem Film? Ein paar fremde Berlin-Ansichten, die trotz grüner Parks, trotz vielen Passanten, trotz Großstadt-Trubel seltsam trübe wirken. Jede Menge Stimmungen, die man wiedererkennt. Der Ärger darüber, daß es scheinbar nicht möglich ist, Dialoge so zu schreiben, wie man sie auch hört: Die Menschen sprechen einfach nicht immer in ganzen Sätzen mit Subjekt, Prädikat, Objekt. Wenn jemand seine Freundin fragt »Wie alt ist er?«, dann sagt die Freundin nicht mit hörbarem t-Laut »Er ist 27. Er ist jünger als ich«, sondern würde etwas wie »27, also jünger als ich« nuscheln. Außerdem ein paar Beobachtungen von Menschen, die sich passiv, fast schlafwandlerisch durch die Straßen und Gärten einer Großstadt bewegen, ihr Leben verarbeiten, in dem sie darüber reden. Das Leben selbst hat dabei die aktive Rolle übernommen. 1970-01-01 01:00

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