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Mein Führer

D 2006. R,B: Dani Levy. K: Carl-Friedrich Koschnick, Carsten Thiele. S: Peter R. Adam. M: Niki Reiser. P: Y Filme, X Filme. D: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Ulrich Noethen u.a.
89 Min. X Verleih ab 11.1.07

The Führer Was A Terrific Dancer

Von Kyra Scheurer Nachdem die deutsche Kinolandschaft in den letzten Jahren zuweilen einem regelrechten »Nazierlebnispark« glich und munter Ausstattung, Kostüme und Darsteller recycelte, ohne sich jedoch zwingend für eine wie auch immer geartete Autorenhaltung entscheiden zu können, und nachdem eine allgemeine, nicht nur televisionäre »Guidoknoppisierung« der Gesellschaft konstatiert werden muß, nun also noch ein Film über den Führer. Braucht es das?

Diese Frage scheint viel dringlicher als das bange im Feuilleton herumgeisternde »Darf der das?« anläßlich Dani Levys komödiantischem Versuch, die allgegenwärtige, bei jüngeren Zuschauern zur bloßen Ikonographie verkommene Kombination aus Schnauzbart und Seitenscheitel zu entlarven. Denn daß Satire nach wie vor alles darf und sogar muß, zeigt nicht nur der viel zitierte GröFaz Charlie Chaplins, sondern auch aktuellere Filme wie Beninis Das Leben ist schön. Und ja, gerade vor dem Hintergrund der jüngsten deutschen Filmlandschaft braucht es diesen Film, braucht es jemanden, der sich traut, eine Haltung zu beziehen, der Hitler nicht die Ehre einer vermeintlich realistischen Darstellung gewährt, der nicht wie im Untergang pietätvoll einen verräterischen Schnitt setzt, um den Führer nicht als Leiche zu zeigen, der ihn statt dessen in voller peinlichen Länge bzw. Kürze beim Ringen um den Beischlaf zeigt.

Helge Schneider ist dieser Hitler und ist es auch wieder nicht, denn zumindest die Kunstfigur Helge Schneider hat zunächst lange Pause in Dani Levys Version des »Großen Diktators«. Von der Maske zur Unkenntlichkeit geschminkt zieht Schneider keine lustige One-Man-Show ab, er nimmt sich zugunsten der differenzierten Geschichte und des inszinatorischen Konzepts zurück und wird zu einer Idealbesetzung, die man in dieser Form nicht vermutet hätte. Wer allerdings einen brüllend-komischen Helge-Film erwartet, wird enttäuscht sein vom Führer, und das X-Marketing ist vielleicht nicht gut beraten gewesen, das Publikum in den Trailern auf eben diese falsche Fährte zu locken.

In sich aber ist Mein Führer ein stimmiger und teilweise ein berührender Film geworden – durch das nuancierte Spiel von Ulrich Mühe, der die klugerweise nicht komödiantisch angelegte Figur des aus dem KZ geholten Juden Grünbaum spielt, der Hitler rhetorisch und mental für seinen nächsten, letzten großen Auftritt fit machen soll. Und neben dem Spiel mit visuellen Referenzen an Chaplin wie dem als Minibar zweckentfremdeten Globus gibt es auch auf inhaltlicher Ebene einiges zu lachen. Neben Ausstattungsgags wie dem Führermobil oder dem Hunde-SS-Cape für Blondie lebt die Komik von Wortwitz und Timing des allgegenwärtigen Händehebens und Hackenknallens. Und vom heimlichen Star des Films, dem großartigen Sylvester Groth, der als Goebbels erstmals komödiantisch besetzt ist.

Nachdem die Frage »Braucht es diesen Film?« nun also positiv beantwortet wurde, muß abschließend erlaubt sein, das übliche »darf« mal mit »kann« zu ersetzen und die Gretchenfrage an Dani Levy zu richten: Kann der das? Nachdem auf der handwerklichen Ebene so Vieles stimmt und auch die Autorenhaltung des Regisseurs unbedingt goutiert werden muß, bleibt doch ein kleiner, fader Geschmack zurück. Zu brav scheint Mein Führer gerade im Nachhinein – ein bißchen mehr von Helge Schneiders Anarchie, Charlie Chaplins Tiefenschärfe, Beninis originärer Idee, Walter Moers' Spieltrieb, vor allem aber mehr subversiver Witz à la Mel Brooks im Original von Frühling für Hitler hätte wohlgetan. 1970-01-01 01:00

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