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Mein erstes Wunder

D 2002. R,B: Anne Wild. K: Wojciech Szepel. S: Dagmar Lichius. M: Nicholas Lens. P: Jost Hering. D: Henriette Confurius, Leonard Lansink, Juliane Köhler, Gabriela Maria Schmeide u.a.
90 Min. Nighthawks ab 8.5.03

Fantasiewelt unter Wasser

Von Oliver Baumgarten Dole ist elf und kann Feen sehen. Hermann ist über vierzig und kann es auch. Behauptet er jedenfalls. Vielleicht aus Langeweile über den drögen Urlaub mit seiner Familie an der Nordsee, vielleicht aus Schabernack, ganz sicher aber aus einer nicht ganz altersgemäßen Kinderei heraus. Kein Wunder also, daß sich Dole und Hermann prima verstehen. Mehr noch: Sie verlieben sich – das allerdings ringsum ziemlich unverstanden, und so türmen sie gemeinsam.

Daß der lose Plot, so Anne Wild, auf einer Zeitungsmeldung beruhe, läßt die Geschichte ihres Kinodebüts keineswegs seichter erscheinen. Die Liebe eines elfjährigen Mädchens zu einem Vierzigjährigen will mit Bedacht umgesetzt sein. Während beispielsweise Luc Besson die einer solchen Beziehung gegenläufigen Emotionen seitens des Betrachters durch die Darstellung brachialer Gewaltausbrüche zu kanalisieren sucht, erschafft Anne Wild eine deutlich poetische zweite Ebene, um das eigentliche Skandalon filmisch zu bändigen.

Immer wieder führt die Kamera – und damit sowohl Dole als auch den Betrachter – in eine dichte Fantasiewelt unter Wasser. In diese Feenwelt flüchtet sich Dole und läßt jeden hinter sich, der nicht zu folgen vermag. Was anfangs für das Verständnis der Figur noch funktioniert, verliert aber mit Dauer an Bedeutung.

Anne Wild selbst nämlich scheint sich immer dann in jene Unterwasserwelt zu flüchten, wenn es ihr im Konkreten der Erzählung zu heikel wird. Die aufwendig montierten poetischen Sequenzen werden so irgendwann zur Leerstelle. Schauspielerisch auf hohem Niveau führt diese Verlegenheit filmsprachlich zum Eindruck der Überambition, stellenweise wirkt der Film geradezu verschnitten, was ob der Ansätze am Beginn mehr als bedauerlich ist. Der Versuch, mit voller Ernsthaftigkeit und naiver Unschuld diese Liebe aus der Sicht des Kindes zu schildern, geht damit nicht auf: Das Wunderhafte bleibt wunderlich und damit leider mißverstanden. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #29.
© 2012, Schnitt Online

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