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Meeresfrüchte

Crustacés et coquillages. F 2004. R,B: Olivier Ducastel, Jacques Martineau. K: Matthieu Poirot-Delpech. S: Dominique Galliéni. M: Philippe Miller. P: Agat Films & Cie, Bac Films, Cofimage 16 u.a. D: Valeria Bruni-Tedeschi, Gilbert Melki, Jean-Marc Barr, Jacques Bonnaffé u.a.
90 Min. Prokino ab 21.7.05

Ja und Nein

Von Franziska Heller Wahrhaft eine audiovisuelle Meeresfrucht: Dieser Film entwickelt eine aphrodisierende Wirkung, die in die gelöste Aufgeheiztheit der mit Grillenzirpen durchwirkten Provence entführt. Mit der Pariser Familie kommt man im Urlaub an der Côte d'Azur an und atmet einmal tief durch, genießt die Natur und das zunächst normale Familienleben zwischen den zickenden Teenagerkindern Charly und Laura (wunderbare Typen: Romain Torres und Sabrina Seyvecou), der lebensfrohen und mitreißenden Mutter Béatrix und ihrem süßen Ehemann Marc.

Es ist auch ganz natürlich, daß die Eltern in dieser entspannten Atmosphäre erst einmal miteinander schlafen. Der siebzehnjährige Charly entdeckt indes die angenehmen Qualitäten der Dusche und etabliert den nun fortan immer wieder thematisierten auto-erotischen Faktor des Boilers, der die Wasser-, Körper- und auch Gemütstemperatur regelt. In dieser leichtlebigen Atmosphäre gerät das Familien-, Liebes- und Sexualleben beschwingt durcheinander. Erste Irritationen treten auf, als die Tochter mit einem Biker in die »Bums«-Ferien nach Portugal entschwindet und Charly Besuch von seinem schwulen Freund Martin bekommt. Die Eltern beginnen zu rätseln, welcher Art die Beziehung der beiden ist. Während Béatrix alles ganz gelassen sieht – ihre Mutter sei schließlich Holländerin – hat Vater Marc an der Sexualität seiner Kinder zu knabbern.

Der Spaß am Rätseln um die Art und Weise einer zwischenmenschlichen Beziehung macht den Clou des Films aus. Das äußerst präzise und pfiffige Drehbuch ist so konstruiert, daß der Zuschauer bei allen kommenden sexuellen und emotionalen Konfusionen in einer Position gehalten wird, die der anfänglichen Elternperspektive ähnelt: Wenn man einer Person bzw. einer zwischenmenschlichen Beziehung eine Orientierung zugeschrieben hat, findet man nur bestätigende Hinweise – unabhängig von den Tatsachen. So macht es Charly zunächst auch Spaß, seinen Vater mit Anspielungen auf seine angebliche Homosexualität zu schockieren. Der Film hält dieses Spiel mit den Zuschauererwartungen aufrecht und bezieht daraus seinen Attraktionswert: Erst fokussiert er die Beziehung von Martin und Charly, dann kommt Béatrix' Affäre mit dem nachgereisten Mathieu ins Spiel, Marc beobachtet Martin unter der Dusche, bis dann auch noch der Klempner Didier zum Rohrereparieren kommt.

Bei all dem Durcheinander schafft es der Film, die Gefühle und Sehnsüchte seiner Figuren ernst zu nehmen, ohne ihre Lügen und Täuschungen als Gemeinheiten darzustellen. Denn seine Qualität liegt eben in der Freude an der emotionalen Konfusion, die aber – und das ist entscheidend – keinerlei moralischer oder konventioneller Wertung unterworfen wird. Jede Art von Beziehung – auch mit ihren Konflikten – unterliegt der lebensfrohen provençalischen Sinnlichkeit, deren Besonderheit sich mit Béatrix' Worten beschreiben läßt: Warum ist es immer eine Entscheidung zwischen »Ja« oder »Nein«. Kann man nicht »Ja« und »Nein« gleichzeitig sagen? Es ist das Wohlsein im gestörten Gleichgewicht.

Schließlich kann sich auch Vater Marc zunehmend entspannen, und er akzeptiert im wahrsten Sinne des Wortes das Unkraut im Garten. Die abwechslungsreiche Natur der Provence mit ihrem rauhen Grün, den schroffen Steinen und dem azurblauen Meer ist nicht nur Sinnbild, sondern auch Ausdruck der ungezähmten Natürlichkeit des Films, die durch einen häufig springenden Schnitt eine flotte visuelle Rhythmisierung erhält. Die Lust zu leben und zu lieben wird zelebriert, wobei genau die richtige Dosis enttäuschter Gefühle untergemischt ist. Der Zuschauer durchlebt alles mit, bis er am Schluß tatsächlich in der finalen Musical-Hommage an die erotisierenden Schalentiere vollkommen beschwingt wird; mit einem »Oui!« zu diesem Film und einem (oh) »non«, daß er vorbei ist. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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