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Das Medaillon

The Medallion. USA 2003. R,B: Gordon Chan. B: Bennett Joshua Davlin, Alfred Cheung, Paul Wheeler, Bey Logan. K: Arthur Wong. M: Adrian Lee. S: Don Brochu, Ki-hop Chan P: Emperor, Golden Port. D: Jackie Chan, Lee Evans, Claire Forlani, Julian Sands u.a.
88 Min. Columbia ab 23.10.03

Flott durchgezockt

Von Matthias Grimm Alle Jahre wieder dasselbe Spiel. Technisch auf dem neuesten Stand und mit marginalen Änderungen in der Handlung, dafür mit identischen Zutaten und einem zunehmend reifer werdenden Hauptdarsteller prügelt sich Jackie Chan auch 2003 durch sein jüngstes Abenteuer.

Dabei fällt auf den ersten Blick auf, daß sich sein ansonsten so beachtliches Move-Repertoire in der aktuellen Inkarnation beachtlich verkleinert, man könnte auch euphemistisch sagen: gesund geschrumpft hat, was auf erste Alterungserscheinungen des wackeren Polygon-Recken hindeutet. Diesem Umstand trägt Hersteller Gordon mit auf neueste DirectX9-Grafikkarten zugeschnittene Bump-Mapping-Routinen Rechnung, welche die zunehmenden Furchen im Gesicht des Akrobatikkönigs in nie dagewesener Plastizität zum Leben erwecken. Wo vor Jahren, aufgrund begrenzter Hardwareressourcen, noch Ecken und Kanten die niedrige Polygonzahl markierten, herrschen nun tadelloses Clipping und hochaufgelöste Texturen. Dies dürfte insbesondere die (sowieso vorwiegend) männliche Spielergemeinde freuen, kommen denn nur so kommen die reizvollen Kurven von Jackies Co-Star Claire Forlani voll zur Geltung.

Dem Gameplay hat dieser Minimalismus allerdings wenig gut getan. Zwar erweitern sich mit der neu eingeführten und sichtbar von »Max Payne« entlehnten Bullet Time die spielerischen Möglichkeiten, doch ist die Steuerung aufgrund der verminderten Schlagvarianten und wenigen Special Moves bei weitem nicht so komplex und fordernd, wie das bei vergleichbaren Produkten der Fall ist. Hinzu kommt, daß die nicht frei justierbare Kamera durch festgelegte Perspektiven bisweilen das Geschehen aus unvorteilhaftem Winkel einfängt, was das Manövrieren durch die 3D-Welten unnötigerweise erschwert und das Steuern der Hauptfigur mitunter zum Glücksspiel werden läßt.

Auch die verschiedenen Level sind zwar dankbar bei Genrekollegen abgeschaut, fügen sich aber nur widerstrebend zu einem flüssigen Spielablauf zusammen. So wird das muntere Prügelallerlei durch näckische Zwischenspielchen wie einer Motorradjagd oder einem Flug mit einem Segelflugzeug aufgelockert, doch soll dieser forcierte Abwechslungsreichtum bestenfalls über die ansonsten erschreckende Einfallslosigkeit der Leveldesigner hinwegtäuschen. Daß diese weitestgehend planlos ihre Leveleditoren anschmissen, zeigen vor allem auch die eingestreuten Cut-Scenes, die mehr gewaltsam als plausibel versuchen, die einzelnen Actionsequenzen in ein sinnvolles Ganzes zu integrieren. Der Versuch, über die Charaktere die Identifikationsplattform eines Duke Nukem oder einer Lara Croft anzubieten, darf ferner als völlig mißglückt erachtet werden. In einer Szene, als Lee Evans sein Dasein als Agent vor seiner Mutter durch eine Doppelidentität als Bibliothekar zu verschleiern versucht, zitiert Das Medaillon bewußt »Gabriel Knight« und macht damit nur die Kluft klar, die zwischen Abbild und Abklatsch klafft. Allein John Rhys-Davies, der nach seinen Auftritten in »Wing Commander 3 + 4«, »Dune 2000« und seiner Erzählerrolle im stark unterschätzten, weil wundervollen »Quest for Glory 4« ein weiteres Mal einem Digitalcharakter Persönlichkeit verleiht, gelingt es in wenigen Szenen, die Tiefe ahnen zu lassen, die sein korpulenter Körper andeutet.

Auch graphisch kann Das Medaillon nicht mit der Referenzklasse mithalten. Der gelegentliche Einsatz von Lichteffekten und volumetrischem Nebel ist viel zu dezent und sparsam, als daß sich das verwöhnte Auge daran sattsehen könnte, und vom lieblos zusammengestellten Hintergrundgedudel mag man gar nicht als Soundtrack sprechen. Hervorragend gelöst wurde dagegen das äußerst ungewöhnliche Speichersystem, indem darauf komplett verzichtet wurde. Stattdessen erreicht der Spieler bereits sehr früh im Spiel den God-Modus, der ihm Unsterblichkeit verleiht und so jedes Speichern überflüssig macht, weil ein Tod des Avatars sowieso ausgeschlossen ist. Das hat den Vorteil, daß kein Abschnitt tatsächlich mehrmals angegangen werden muß. Stattdessen ist das Teil nach 88 Minuten durchgezockt und kann seinen Platz auf dem staubigen Regal einnehmen, wo es hingehört.

Bleibt noch die in Previews so häufig als revolutionär angekündigte spielerische Vielfalt zu erwähnen, welche durch die Wahl eines der drei Hauptcharaktere zu Beginn des Spiels gewährleistet werden soll. Auch hier ist mehr der Wunsch als seine tatsächliche Realisierung zu erkennen. Zu ähnlich spielen sich die alternativen Levelabschnitte, zu durchschaubar sind die Rätselaufgaben, die Jackies Partner Lee Evans zu absolvieren hat. Mit etwas mehr Entwicklungszeit hätte aus diesem Aspekt durchaus etwas werden können, so jedoch fügt es sich nahtlos als weiteres Steinchen ins negative Gesamtbild ein. Lediglich die Möglichkeit, neue Charaktere wie Jackies Kollegen Jet Li, Chow Yun-Fat oder Boba Fett freizuspielen, motiviert zum erneuten Durchspielen, weist aber vor allem auf die Austauschbarkeit der Einzelteile hin. Insgesamt herzlich wenig, wenn man bedenkt, daß dafür auf den heutzutage obligatorischen Mehrspieler-Modus verzichtet wurde.
Bleibt zu hoffen, daß Jackie bis zum nächsten Mal das Geld in frische Ideen denn eine teure Engine investiert. Denn dieses Medaillon hat keine Medaille verdient. 1970-01-01 01:00
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