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Matrix Reloaded

The Matrix Reloaded. USA 2003. R,B: Larry Wachowski, Andy Wachowski. K: Bill Pope. S: Zach Staenberg. M: Don Davis. P: Village Roadshow. D: Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss, Hugo Weaving u.a.
136 Minuten. Warner Bros. ab 22.5.03

Philosophie an die Stammtische!

Von Matthias Grimm »Die Matrix ändert sich nicht, es ist immer das 0/1, die binäre Skandierung, die sich als meta-stabile oder homöostatische Form der gegenwärtigen Systeme durchsetzt. Sie ist der Kern der uns beherrschenden Simulationsprozesse. Sie kann sich als eine Folge von instabilen Variationen, von Polyvalenz bis zur Tautologie organisieren, ohne daß die strategische Form des Bipols in Frage gestellt würde: sie ist die göttliche Form der Simulation.« Wer hier nur Bahnhof versteht, der sollte vielleicht Keanu Reeves fragen, was dieser Satz zu bedeuten hat: Der mußte nämlich als Vorbereitung für den Matrix-Dreh auf Geheiß der Wachowski-Brüder nicht nur ein knüppelhartes Kung Fu-Training absolvieren, sondern sich auch Jean Baudrillards »Ordnung der Simulakren« zu Gemüte führen, aus dem der zitierte Abschnitt stammt. Was für eine Vorstellung!

Für gemeinhin wird dem 1999 erschienenen The Matrix die Revolution des Actionkinos attestiert. In der Tat darf davon ausgegangen werden, daß dem Film eine zentrale Rolle bei der Integration visueller Strategien des Hongkong-Kinos sowie des japanischen Animes in die Bildgrammatik Hollywoods zukommt. Das Resultat dieser Kombination aus Effektekino und der im westlichen Kulturkreis bis dato weitgehend unbekannten Extremakrobatik war in seiner Ausführung so neuartig, daß seine Ikonographien nicht nur zum integralen Bestandteil moderner Action-Choreographien wurden, sondern neue filmische Begriffe wie »Bullet Time« oder ganz abstrakt einfach: Matrix-Ästhetik prägten.

Als das wesentliche Verdienst von Matrix kann insbesondere die Popularisierung des postmodernen Diskurses vom Auflösen der Wirklichkeit in der simulierten Hyperrealität des Cyberspace angesehen werden. Die Wachowskis bringen mit Matrix die Philosophie nicht nur ins Kino – sie bringen sie dorthin, wo sie ihrer Tradition nach hingehört: an die Stammtische. Das ist dem Umstand zu schulden, daß der Film seine Themen nicht mit der theoretischen Blasiertheit eines Cronenberg oder der Ernsthaftigkeit von Fassbinders verkopftem Welt am Draht inszeniert, sondern mit den populärsten Mitteln, die dem Medium Film zur Verfügung stehen: den Figurationen des Actionkinos.

Der Nachfolger Matrix Reloaded stellt zumindest in einer Hinsicht eine Weiterentwicklung dieses revolutionären Konzeptes dar: nämlich in Bezug auf seine Vermarktungsstrategien. So stellt Reloaded zusammen mit seinem im selben Produktionsschritt abgedrehten Nachfolger Matrix Revolutions einen einzigen, ineinander übergehenden Erzählstrang dar – dementsprechend ist das Ende von Reloaded als klassischer Cliffhanger konzipiert. Außerdem bilden die Filme einen intertextuellen Komplex mit 9 Animationsfilmen, die unter dem Namen Animatrix auf DVD erscheinen: Einer davon, Last Flight of the Osiris, ist als Vorfilm der King-Adaption Dreamcatcher zu sehen; weitere werden intervallhaft im Internet veröffentlicht. Der Gesamtzusammenhang der Trilogie, so wird kolportiert, ließe sich nur unter Einbezug aller dieser Komponenten verstehen.

Dies ist es allerdings auch, was die Perzeption von Matrix Reloaded problematisch macht: Die Funktion zahlreicher Szenen und Figuren wird sich erst in Verbindung mit seinem Nachfolger erschließen. Vieles verläuft sich im Unklaren, ist in seiner Ausführung diffus oder bleibt reine Andeutung. Auf der visuellen Seite hat der Film das Problem, das Actionkino nicht ein zweites Mal neu erfinden zu können, aber seinen Plagiaten eine entsprechende Steigerung entgegensetzen zu müssen. In diesem Zusammenhang kommt der Matrix-Serie zugute, daß sie von ihrer Thematik her nicht auf die störenden Action-Dogmen von physikalischer Korrektheit angewiesen ist, sondern die Grenzen ihrer Verweigerung in beliebige Höhen verschieben kann und sich auf diese Weise dem Schwelgen im Größer, Schöner, Spektakulärer hinzugeben vermag, ohne Kopfschütteln ob des »unrealistischen« Charakters zu erzeugen (im Übrigen ein Aspekt, der das Hollywoodkino immer noch vom asiatischen trennt): Den Höhepunkt des Films stellt in dieser Hinsicht eine Autoverfolgungsjagd dar, die – als Reminiszenz an das klassische Motiv des amerikanischen Actionkinos schlechthin – in jeder einzelnen Geste die performative Überlegenheit dieser Negierung des Plausiblen zelebriert. Gleichzeitig demonstriert diese Beobachtung aber auch, daß über die Steigerung des spektakulären Elementes hinaus keine Revolutionen von Matrix erwartet werden sollten: Letztendlich sind die meisten Sequenzen eben in der Tat einfach »reloadet«.

Bis auf eine Ausnahme: In einer Szene – die als eine der wenigen inszenatorischen Highlights nicht bereits im Trailer repräsentiert ist – kämpft Neo gegen hunderte von Klonen seines Antagonisten Agent Smith aus dem ersten Teil. Was zunächst als rein quantitative und kinetische Steigerung zu seinem Vorgänger funktioniert, wird plötzlich zu einer furiosen quasi-Plansequenz, welche die Bildsprache des Actionkinos radikaler erweitert, als dies Teil 1 vielleicht getan haben mag: Während sich Kampfszenen in der Regel durch hohe Schnittfrequenzen und schnelle Fokussierung physischer Aktionen auszeichnen, befreit sich die Kamera hier auf einmal von sämtlichen Konventionen und Einschränkungen, die ihre apparative Beschaffenheit ihr normalerweise auferlegt, und geht eine atemberaubende Symbiose mit den Bewegungen der Kämpfenden ein, wirbelt um sie herum, weicht zurück in die Totale, um nur einen Augenblick später in die Höhe zu schießen und mit den Protagonisten auf den Boden zu taumeln. Diese Kamera registriert nicht einfach nur physische Bewegungsabfolgen; sie bildet selbst einen integralen Bestandteil davon.

Die entscheidende Frage jedoch, die an Matrix Reloaded gerichtet werden muß, ist, auf welche Weise die dem Film bei jeder Gelegenheit zugeschriebene philosophische Dimension zum Ausdruck kommt. Und in der Tat ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. War der erste Teil noch ein assoziatives Sammelsurium epistemologischer Theorieschulen, bei dem mit etwas bösem Willen eine eher akzidentelle Genese vermutet werden konnte, da sich prinzipiell jede Virtual Reality-Geschichte in platonischen, lacanschen oder baudrillardschen Begriffssystemen beschreiben läßt, sichern sich die Wachowksis in Reloaded konsequent in jeder Hinsicht ab, indem der philosophische, mythologische, religiöse Bezug einer jeden Szene explizit hergestellt wird: Sämtliche Figuren tragen prinzipiell Namen aus der Mythologie und spannen damit ein komplexes intertextuelles Zeichensystem auf, dessen tiefere Bedeutung allerdings mehr behauptet als tatsächlich vorhanden ist. Gleiches gilt für die allerorts bemühten Symboliken, die den zusätzlichen Nachteil aufweisen, nicht wirklich originell zu sein: Gänge und Türen und die Schlüsselmeister dazu. Matrix Reloaded erweckt den Eindruck, eine möglichst breit gefächerte Lesbarkeit anbieten zu wollen, indem viel gesagt, aber nichts gemeint wird. Doch wie gesagt stellt sich das Lesen dieser Zeichen insofern als problematisch dar, da sie ihren Sinn vermutlich erst in der kommenden Episode preisgeben werden und eine adäquate Analyse erst dann möglich ist. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – macht der Film mitunter einen sehr stückhaften, unzusammenhängenden Eindruck, als ob er jeden Moment auseinander bröckeln könnte. Dies mag zum einen an der Vielzahl von Figuren und Schauplätzen liegen, die einander nicht ergänzen und vorantreiben, sondern eher austauschen und ersetzen.

Vor allem aber liegt es daran, daß der Film auf weite Strecken – und das ist seine größte Schwäche im Vergleich zum Original – extrem schwafelig ist und es ihm nicht gelingt, seine Themen und Motive visuell auszubreiten, ohne sie bis in den Kern verbal zu zerpflücken. Insbesondere zu Beginn, als die Figur des Neo in religiöse Erlöser-Kontexte eingeordnet und der Kampf gegen die Maschine zu einer Frage des Glaubens stilisiert wird, ist dies nicht nur grausam langweilig, sondern vor allem bis zur Unerträglichkeit banal. Der Film befindet sich in einem ständigen Zustand der Erklärungsnot und jede Figur, die im weiteren Verlauf eingeführt wird, darf stets in einem Monolog ihren Beitrag dazu leisten: Daß alles deterministisch vorherbestimmt ist, wird da argumentiert, und daß deswegen gemäß der Kausalität, die allem zugrunde liegt, die Frage nach der Entscheidbarkeit von Handlungen nur auf die Ursache gerichtet werden darf. Letzten Endes sind diese Erkenntnisse erschreckend belanglos, werden aber mit an Selbstparodie grenzender Ernsthaftigkeit und Gewicht vorgetragen. Ein echtes Highlight in dieser Hinsicht stellt das Ende dar, als Neo den grauen Herren entkommen ist und auf den Meister Hora der Matrix trifft, der ein pseudo-intellektuelles Gequirle von sich gibt, daß selbst Baudrillard Ohrensausen bekommen hätte.

Brachten die Wachowkis mit Matrix noch die Philosophie an die Stammtische, so erweckt es den Eindruck, als brächten sie mit dieser Episode nun die Stammtische in die Matrix. 1970-01-01 01:00
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