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Mathilde – Eine große Liebe

Un long dimanche de fiançailles. F/USA 2004. R,B: Jean-Pierre Jeunet. B: Guillaume Laurant. K: Bruno Delbonnel. S: Hervé Schneid. M: Angelo Badalamenti. P: Warner. D: Audrey Tautou, Jean-Pierre Becker u.a.
134 Min. Warner ab 27.1.05

Morgenröte

Von Thomas Warnecke Eine große Liebe, ein Krieg, der in Frankreich »la grande guerre« heißt, eine große Besetzung vor der Kamera und große Meister dahinter – ein großer Film. Je länger Mathilde dauert, desto mehr überzeugt er, daß Jean-Pierre Jeunet die deutlichste, originellste und persönlichste Handschrift des aktuellen französischen Kinos aufweist. Das sei im voraus denen gesagt, die wie schon bei Amélie meinen, Jeunet sei der Totengräber der Nouvelle vague – der Kern dieser historischen Bewegung bestand darin, dem Autor eines Films die gleichen Freiheiten zuzugestehen wie einem Maler oder Schriftsteller.

Sébastien Japrisots Roman ist die kongeniale Vorlage für Jeunets eigene Desastres de la guerra; der französische Originaltitel beinhaltet schon die ganze kaum zu ertragende Spannung einer ebenso erschreckenden wie begeisternden Verfilmung des Krieges. Es geht um eine große Liebe, aber im langen Verlobungssonntag schwingt viel mehr mit. Die Verlobung als Versprechen wie als Wartezeit, der Sonntag als Tag des Nichtstuns, an dem in alten Fotoalben geblättert wird, an dem der Alltag aussetzt. Der Krieg ist auch eine Art Sonntag, wie ihn Raymond Radiguet in »Le diable au corps« schon kurz nach 1918 beschrieben hat: »Die leidenschaftlichen Verwirrungen, in die mich jene ungewöhnliche Zeit stürzte, glichen gewiß nicht den Gefühlen, die man sonst in diesem Alter empfindet… Wer mir das schon im Voraus verdenkt, vergegenwärtige sich doch, was der Krieg für so viele Halbwüchsige bedeutete: vier Jahre große Ferien.« Der Film läßt von Anfang an keinen Zweifel an der Grausamkeit dieser Ferien.

Doch Jeunet liefert kein großes Schlachtenpanorama, er filmt den Krieg als Geflecht aus Geschichten, Briefen und Erinnerungen, die ebenso fragmentiert sind wie die zerstückelten Opfer von Granaten. Statt des großen Krieges das kleine dreckige Loch von Schützengraben, das seine Insassen auf den Namen »Bingo crépuscule« getauft haben. Indem Jeunet und sein Editor Hervé Schneid unablässig zwischen der Zeit vor, während und nach dem Krieg hin- und herspringen, gelingt ihnen ein quasi kubistisches Bild vom Krieg, ein Kaleidoskop, in dem sich die unterschiedlichsten Eindrücke und widersprüchlichsten Erfahrungen mischen. Ein so realistischer wie zynischer Gag, der schon die ganze Verdichtungskunst Jeunets und seines Autors Guillaume Laurant zeigt: Der Offizier, der sich nach dem Krieg über den seltsamen Namen des Schützengrabens mokiert, gibt zu bedenken, daß auch in Paris die Zeit nicht leicht war: »Unmöglich, nach der Oper ein Taxi zu bekommen.« Jeder Franzose kennt die Fotos von zahllosen Pariser Taxis, die neue Soldaten an die Front verfrachteten.

Es ist nach Amélie ein erneutes Meisterwerk der Freunde gutgemachter Arbeit. Jeunet ist ein unermüdlicher poète des choses, seine Lust zur Aufzählung, zur Ab- und Ausschweifung, sein Spaß am Maschinenhaften wie am Grotesken haben die, wenn man das so sagen kann, vielleicht gelungenste filmische Umsetzung des Ersten Weltkrieges hervorgebracht, weil sich gerade in den Einzelheiten, mit denen jede der Einstellungen von Bruno Delbonnel bis zum Rand gefüllt sind, mehr mitteilt als in jedem Versuch, die eine große Erzählung herauszumeißeln.

Wieder ist der rote Faden Audrey Tautou; die von ihr verkörperte Mathilde hinkt seit einer Kinderlähmung, ist aber trotzdem die Figur mit dem größten Bewegungsradius. Wie Delbonnels entfesselte Kamera scheint sie über eine Landkarte Frankreichs zu tanzen; die Topographie des Films ist voller Anspielungen: Paris mit seiner Glas-Eisen-Architektur und dem Bastille-Viertel, Wohnort einiger Mitarbeiter des Films, als Heimstätte des Handwerks, Lothringen, wo der Regisseur aufwuchs und die Spuren des Ersten Weltkriegs bis heute sichtbar sind und Korsikas fataler Patriotismus… Mathildes rastlosen Nachforschungen, ihr unerschütterlicher Glaube an die Liebe und daran, daß ihr Geliebter noch lebt, sind wie ein Bekenntnis zur schöpferischen Kraft der Imagination, die klüger ist als Vernunft. In ihr spiegelt sich der ganze Film: Die Wunden des Krieges müssen immer wieder geöffnet werden, bis das Warten auf die große Liebe triumphiert und aus dem Kriegs- ein Liebesfilm geworden ist. Und weil Jeunet Aufzählungen liebt: Dies ist ein Film im Geiste Rabelais', Jean Pauls, Kleists, Balzacs, Dickens', Boschs, Breughels, Rubens', Goyas, Méliès', Guitrys, Préverts und Carnés, der Surrealisten und Fellinis. Ein Sonntag des Kinos! 1970-01-01 01:00

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