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Match Point

USA 2005. R,B: Woody Allen. K: Remi Adefarasin. S: Alisa Lepselter. P: Jada Productions, BBC Films. D: Brian Cox, Matthew Goode, Scarlett Johansson, Emily Mortimer, Jonathan Rhys Meyers, Penelope Wilton u.a.
123 Min. Prokino ab 29.12.05

Last Man Standing

Von Carsten Happe Ein neuer Film von Woody Allen provoziert, zunächst die Koordinaten abzustecken: Spielt er selbst mit oder nicht? Komödie oder Drama? Welche Hollywoodstars begnügen sich mit der Tarifgage und lediglich partieller Drehbucheinsicht? Und natürlich: Wo ist er einzuordnen – zwischen seinen Meisterwerken, neben Hannah und ihre Schwestern und Manhattan, oder eher im breiten Mittelfeld, einen Totalausfall gab es ja eigentlich nie.

Seit einiger Zeit gehen die Rezensenten wieder dazu über, seinen jeweils aktuellen Film als besten seit langem zu deklarieren, als Rückkehr zur alten Form. Das ist natürlich Quatsch, kein anderer Filmemacher kann eine ähnlich konstante Qualität aufweisen, zumal über fast vier Jahrzehnte.

Match Point knüpft daran nahtlos an, ist in vielerlei Hinsicht jedoch ein Novum in Allens Œuvre. Nicht nur sein erster in London gedrehter Film, mit Ausnahme von Scarlett Johansson ausschließlich mit Briten besetzt, darüber hinaus sein längster Film überhaupt. Allen steht diesmal nur hinter der Kamera – er wäre allerdings hier auch ebenso fehl am Platz wie seine typischen Gags und Oneliner. Match Point ist ein Drama von fast klassischer Tragik, das gegen Ende in einen kaltblütigen Thriller umschlägt. Ungewohntes Terrain also, aber die Selbstsicherheit, mit der Allen seine Geschichte ausbreitet, ist von atemberaubender Brillanz.

In aufgeräumten Bildern zeichnet er den Aufstieg des Tennislehrers Chris Wilton in die Londoner Upper Class nach; die funktionale Ehe mit der reichen Tochter aus gutem Hause, der neue Job in Schwiegerpapas Firma, das fatale Verhältnis mit der Verlobten des Schwagers. Dramaturgisch bis ins Kleinste durchkomponiert, steuert der Film ins Unausweichliche, bevor er in letzter Minute der Geschichte eine perfide Wendung gibt, das Tennis-Leitmotiv aus der Tasche zieht, und alle mühsam konstruierten Plot Twists eines M. Night Shyamalan locker in die selbige steckt. Ganz großer Sport, nicht nur vom mittlerweile siebzigjährigen Last Man Standing des amerikanischen Autorenfilms, sondern auch vom perfekt besetzten Ensemble. Allen voran natürlich Scarlett Johansson, jede verhängnisvolle Affäre wert, aber auch Jonathan Rhys Meyers als eiskalter Karrierist liefert hier die bisher beste Leistung seiner Laufbahn. In einem an Highlights eher armen Kinojahr ein fast unerwarteter Glanzpunkt – und in der Tat, Allens bester Film seit Jahren. Das Spätwerk kann warten. 1970-01-01 01:00
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