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Marvins Töchter

Marvin's Room. USA 1996. R: Jerry Zaks. B: Scott McPherson. K: Piotr Sobocinski. S: Jim Clark. M: Rachel Portman. D: Diane Keaton, Meryl Streep, Leonardo DiCaprio, Robert De Niro, Hume Cronyn, Gwen Verdon u.a.
99 Min. Kinowelt ab 5.6.97
Von Dirk Steinkühler Der einzige Fernseher im Elternhaus des jungen Scott McPherson stand im Zimmer seiner krebskranken Großmutter. Wollte er die Ed-Sullivan-Show sehen, gehörte das Leiden seiner Grandma und wiederkehrende Unterbrechungen durch Morphium-Injektionen ebenso zum Bildschirmvergnügen wie die Werbespots. So wurde der Raum einer Kranken für McPherson zum Sinnbild des Lebens, dem Pendeln zwischen Lachen und Weinen.

Deshalb verwundert es kaum, daß Scott McPherson in seinem autobiographisch orientierten Bühnenstück »Marvin's Room« geschickt zwischen Komödie und Drama wandert. Dreh- und Angelpunkt ist das Zimmer von McPhersons Großvater Marvin, der mit seiner Schwester Ruth in Florida lebt und um die sich Marvins Tochter Bessie kümmert.

In Jerry Zaks' Verfilmung verkörpert Diane Keaton die Tante Bessie. Sie hat nach dem Herzanfall des Vaters ihre eigenen Lebensziele aufgegeben und seine Pflege übernommen. Als Hausarzt Dr. Wally (Robert De Niro) bei ihr Leukämie diagnostiziert benötigt Bessie selbst Hilfe. Überlebenschancen bietet eine Transplantation, für die kompatibles Knochenmark eines Verwandten gefunden werden muß. Bessie wendet sich an ihre Schwester Lee (Meryl Streep), mit der sie seit zwanzig Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr hatte und die mit ihren beiden Söhnen in Ohio lebt.

Lees Streben nach Selbstverwirklichung hat sich längst zu einem Alptraum entwickelt: Während ihr jüngster Sohn Charlie ein eher ruhiger und verschlossener Beobachter ist, sitzt Hank (Leonardo DiCaprio) nach einer feurigen Affekthandlung in einer psychiatrischen Anstalt. Bessies Hilferuf befreit Hank vorübergehend von seinen Fesseln und läßt die drei nach Florida aufbrechen, wo sie nicht nur die notwendigen Untersuchungen, sondern auch bisher verdrängte Auseinandersetzungen mit ihrem Leben und der Verwandtschaft erwarten.

Was nach einer aus Problemen konstruierten Story aussieht und ein tränenreiches Melodram hätte werden können, entpuppt sich überraschenderweise als der erwähnte, perfekte Balanceakt zwischen Komödie und Tragödie. Bereits Co-Produzent De Niros Kurzauftritte als zerstreuter Arzt und seine Vorliebe für scheußlich knallige Hemden und Krawatten nehmen dem Thema schnell den rührseligen Überschwang.

Zaks' Film entwickelt sich zu einer nachdenklichen Studie über verschiedene Lebensentwürfe, bei der die hervorragenden Darsteller nach und nach ungeahnte Facetten ihrer Charaktere enthüllen. Bessies Weg der absoluten Entbehrungen war ebenso wenig zwanghaft, wie Lees Freiheit uneingeschränkt blieb.

Selbst wenn Marvin's Room in erster Linie als Unterhaltungskino funktioniert, öffnet er sich doch immer wieder der bitteren Satire. Als Bessie ihr »I love you so much« an Hank richtet, ihren Neffen, den sie gerade einmal 24 Stunden kennt, gibt sie diese Lieblingsfloskel des Ami-Kitschs der Lächerlichkeit preis. Auch Bessies Beteuerung, für ihre Aufopferung so viel Liebe erhalten zu haben, stimmt im Gesamtkontext eher nachdenklich und entläßt den Zuschauer mit gespaltenen Gefühlen.

Kameratechnische Kabinettstückchen von Piotr Sobocinski, der auch Kieslowkis Drei Farben: Rot glänzend fotografierte, offenbaren erst im letzten Moment die Absurdität unehrlicher Handlungen oder halten beim Blick durch ein Mikroskop kleine Überraschungen bereit. Diese Ideen wie auch wechselnde Spielorte heben Zaks' Inszenierung deutlich vom Vorwurf gefilmten Theaters ab und fügen sich in den lebendigen Erzählfluß ein.

Und ganz nebenbei läßt Zaks auch noch das Fernsehen sich selbst parodieren, denn die Handlungsstränge in Tante Ruths Lieblingssoap »The Sun City« sind dermaßen konstruiert, unlogisch und synthetisch, daß sie nicht einmal von hartgesottenen Fans entwirrt werden können. Die Soap bildet damit den idealen Kontrast zum Leben der Filmfiguren. So endet Marvin's Room genau im richtigen Moment. Wo in »Sun City« eine widersinnige Hochzeit Frieden stiftet, erleben Bessie, Lee und Hank die realistischere Variante: eine Annäherung! 1970-01-01 01:00

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