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Die Martins-Passion

D 2003. R,B: Irene Langemann. K: Dieter Stürmer. M: Johann Sebastian Bach. S: Kawe Vakil. P: Lichtfilm, arte G.E.I.E., WDR u.a. D: João Carlos Martins, Dave Brubeck, Pelé, Heiner Stadler u.a.
96 Min. Zephir Film ab 9.9.04

Leiden und Leidenschaft

Von Frank Brenner Wer ein anschauliches Beispiel dafür geliefert bekommen möchte, warum die Worte Leiden und Leidenschaft miteinander verwandt sind, sollte sich unbedingt Irene Langemanns Dokumentarfilm zum Leben des brasilianischen Starpianisten João Carlos Martins anschauen. Der 1940 in São Paulo geborene Künstler hatte das Privileg, in einer musikliebenden Familie aufzuwachsen und konnte deswegen bereits im Alter von 20 Jahren ein fulminantes Debüt in den USA feiern, bei dem das brasilianische Wunderkind als bester Bach-Interpret seit Glenn Gould bezeichnet wurde. Doch bereits sechs Jahre später verletzte sich Martins bei seiner zweiten großen Leidenschaft, dem Fußballspielen, so schwer am Arm, daß drei Finger seiner rechten Hand gefühllos wurden und seine bahnbrechende Karriere bis auf weiteres beendet war. Der Leidensweg des Pianisten nahm kein Ende. Obwohl er es, teilweise sogar recht erfolgreich, versuchte, in andern Feldern wie der Promotion und dem Finanz- und Aktienmarkt tätig zu werden, zog es ihn immer wieder zurück ans Klavier. Nach mehreren weiteren Comebacks und Rückzügen aus der Welt der Musik, mußte er sich aufgrund unerträglicher Schmerzen im Jahr 2000 dazu entschließen, die Nerven seiner rechten Hand durchtrennen zu lassen. Ungeachtet dessen gibt Martins nach wie vor internationale Klavierkonzerte, nunmehr mit Stücken für die linke Hand.

Der Dokumentarfilmerin Irene Langemann, die unter anderem den mehrfach ausgezeichneten Film Lale Andersen – Die Stimme der Lili Marleen realisierte, ist mit der Martins-Passion ein weiteres eindringliches Werk gelungen, das über die Grenzen eines gewöhnlichen Dokumentarfilms hinausgeht. Die Filmemacherin hat Martins, nachdem sie durch einen Artikel im »Spiegel« auf seine unbeschreibliche Ausdauer und musikalische Besessenheit aufmerksam geworden war, über längere Zeit filmend begleitet und auch Momente festgehalten, in denen man sowohl die körperlichen als auch die seelischen Qualen, die der Pianist durchleiden muß, hautnah miterlebt. Doch dies geschieht keinesfalls auf voyeuristische Weise, sondern dient vielmehr der Verbildlichung der seinesgleichen suchenden Leidenschaft des Künstlers, die er trotz unüberwindbar scheinender Hindernisse niemals aufgeben wollte. Die Regisseurin transportiert mit ihrem Film vielmehr die Botschaft, daß es wichtig ist, an seinen Idealen, seiner Berufung und seinen Zielen festzuhalten und sich vom Leben nicht unterkriegen zu lassen. 1970-01-01 01:00
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