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Marseille

D 2004. R,B: Angela Schanelec. K: Reinhold Vorschneider. S: Bettina Böhler. P: Schramm Film, Koerner & Weber. D: Maren Eggert, Alexis Loret, Marie-Lou Sellem, Devid Striesow u.a.
94 Min. Peripher ab 23.09.04

Abschweifen und Zurücktreten

Von Tamara Danicic Fremd ist der Fremde nicht immer nur in der Fremde: Eine Frau (Sophie) tauscht mit einer anderen Frau (Zelda) die Wohnung und kommt auf diese Weise nach Marseille. Sie läßt sich treiben, sucht Anschluß. Wieder zurück in Berlin hält sie es dort in den eingefahrenen Lebensbahnen nicht lange aus. In der Beziehung zwischen ihrer besten Freundin Hanna und deren Mann Iván, den Sophie insgeheim liebt, bleibt sie außen vor. Sie begibt sich ein zweites Mal nach Marseille; wieder entflieht sie dem Alltag, einer nicht sein dürfenden Liebe, sich selbst. Soweit das Handlungsgerüst.

Wer nun die romantische Erlösung der Heldin aus dem Jammertal des Alltags erwartet oder unbeschwertes Philosophieren über das Leben, die Liebe und die Franzosen, der hat vermutlich noch keinen Schanelec-Film gesehen. Es ist die Suche nach den banalen Zufällen, nach den wenig spektakulären Verschlingungen des Lebens, die die Regisseurin antreibt. Und mit der großen Geste des Happyends wartet die Realität so gut wie nie auf. Gleichzeitig interessiert Schanelec das Aufbäumen des einzelnen gegen sein unwägbares Schicksal und die Einsamkeit. Rilkes »Du mußt Dein Leben ändern« schwebt über Sophie. Auf die Frage, warum sie nach Marseille gekommen sei, antwortet Sophie, sie habe zufällig die Anzeige mit dem Wohnungstauschangebot gelesen und gerade Zeit gehabt. So trivial scheinen die Dinge eben manchmal. Die dahinter liegende existentielle Unruhe hingegen bleibt unausgesprochen und läßt sich nur erahnen.

Die Kamera heftet sich der jungen Berliner Fotografin an die Fersen, folgt ihr beim ziellosen Mäandern durch eine fremde Stadt jenseits der glanzvollen Touristenfassade. Doch manchmal bleibt sie stehen und beobachtet die Beobachterin aus der Entfernung. So wie Sophie vergeblich versucht, sich den Ort mittels der Fotografie anzueignen und zu dem ihren zu machen, wird im Blick auf die Protagonistin eine gewisse Distanz nicht getilgt. Insofern ist es nur konsequent, daß Schanelec Nahaufnahmen überaus sparsam einsetzt. Sophie wird eingebettet in ihre Umgebung, ohne in dieser völlig aufzugehen. Aus den ruhigen, sich Zeit nehmenden Aufnahmen spricht die Bereitschaft, sich mitnehmen und überraschen zu lassen, sich aber auch gleichzeitig ein eigenes Bild zu machen. Was die überaus sorgfältig ausgestaltete Tonebene betrifft (die auch diesmal ohne jede Filmmusik auskommt), saugt das Mikrophon alle noch so unscheinbaren Geräusche auf. Und nicht selten finden diese außerhalb des Bildrahmens statt. Beide, Bild und Ton, geben dem Zuschauer zu verstehen, daß er lediglich einen Ausschnitt der Welt präsentiert bekommt.

Das Prinzip des Abschweifens und Zurücktretens, das sich durch Marseille zieht, wird allerdings stellenweise ziemlich strapaziert. Als kleine Solitäre in den Raum gestellt, drohen einige Szenen (wie etwa als Iván Fabrikarbeiterinnen fotografiert), die Geschichte arg ausfransen zu lassen. Darüber hinaus zerbricht das Gefüge mit dem abrupten Übergang von Südfrankreich nach Deutschland in zwei Teile – und leider verläßt einen hier die von Schanelec eingeforderte Lust, ihren Figuren zu folgen. Allzu bleiern lastet das »normale« Leben auf Sophie, Hanna und Iván, und allzu zurückgenommen ist der Blick auf sie. Immerhin holt einen der Film gegen Ende, als Sophie zum zweiten Mal nach Marseille fährt, emotional wieder ein Stück weit zurück. Endlich scheint sie angekommen zu sein, endlich aufgenommen in den Schoß der Stadt, wenngleich ganz anders, als man sich das vorgestellt hat. Wie eine gehäutete Schlange wandert Sophie in einem kanariengelben Kleid am Strand entlang. Und mit dem Blick auf das Meer – der einem bis dahin vorenthalten wurde – stellt sich ganz am Ende doch noch die lange vermißte Leichtigkeit ein. 1970-01-01 01:00

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