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Marlene Dietrich – Her Own Song

D 2001 R: David Riva. B: Karen Kearns. K: Uli Kudicke, Adolfo Bartoli, Christine Burrill. S: William Haugse, Katharina Schmidt. M: Gernot Rothenbach. P: Gemini Filmproduktion.
100 Min. Salzgeber ab 21.03.02

Dokumentarische Biographie

Von Dietrich Brüggemann Wenig, dachte man, gibt es noch zu berichten aus dem Leben des einzigen deutschen Weltstars – der steile Aufstieg der Dietrich, Truppenbetreuung, Rückzug ins Privatleben als lebendes Denkmal Ihrer selbst, das waren drei Gehpunkte, die uns zuletzt vor drei Jahren in Joseph Vilsmaiers nicht rundum gelungener Marlene-Biographie begegneten, garniert mit einigen Männer- und Frauengeschichten. Gesehen und abgehakt.

Dennoch wurde die Berlinale-Premiere des neuen Dokumentarfilms über das Leben der Diva mit einiger Spannung erwartet. Stammt er doch von David Riva, und der ist immerhin Marlene Dietrichs Enkel. Ist er damit familiär und reserviert, oder gibt er ganz neue Einblicke?

Beides. Auf dem Feld, auf dem andere Biographen sich genüßlich auszubreiten pflegen, bei den erotischen Verhältnissen zu Damen und Herren, die die Dietrich gleichermaßen gepflegt haben soll, ist bei Riva wenig zu holen. Er zeichnet dafür ein differenziertes Bild von Rudi Sieber, Marlenes Ehemann, der bei Vilsmaier als unsensibler Unsympath erschien. Ansonsten läßt Riva im Leben seiner Großmutter nur noch einen weiteren Mann gelten, nämlich Jean Gabin. Greta Garbo und Konsorten treten ebensowenig in Erscheinung wie die mysteriöse große Liebe, die Vilsmaier Marlene andichtete.

Interessanter wird der Film, als es um Marlenes Einsatz an der Front geht. Daß sie nicht nur gelegentlich zur »Truppenbetreuung« auf der Bühne stand, sondern tatsächlich Soldat mit Uniform und allen Begleiterscheinungen war – das konnte man zuvor zwar auch wissen, wenn man es wissen wollte, aber hier erfahren wir es aus erster Hand, nämlich von Marlene Dietrich selbst. Riva hat entlegenes Interviewmaterial, in den 70er Jahren fürs schwedische Fernsehen entstanden, für einen Film ausgewertet, und diese Aufnahmen erweisen sich als das eigentliche Herz des Films. Was in einem anderen jüngst erschienenden Künstlerporträt – nämlich in Jan Harlans Kubrick-Dokumentation A Life in Pictures – am Ende als Fragezeichen offenblieb, die direkte Begegnung mit dem Abgebildeten, hier passiert sie.

Marlene Dietrich spricht zu uns. Es sind diese Momente, die den Mythos mit einem Mal nachvollziehbar machen. Nicht ohne eine untergründige Bitterkeit, doch gut gelaunt und schlagfertig, dabei stets in professioneller Distanz, beantwortet sie die Fragen ihres Interviewpartners und erledigt dabei im Vorbeigehen eine Legende, die im selbstanklagefreudigen deutschen Feuilleton immer wieder zu hören war. Die Deutschen, hieß es dort, und gemeint waren die verstörten Nachkriegs-Verdrängungs-und-wir-haben-nichts-gewußt-Deutschen, denen wir natürlich moralisch überlegen sind, die Deutschen hätten Marlene nach dem Krieg gehaßt, beschimpft, ausgepfiffen, mit Gemüse beworfen. So war es nicht, sagt Marlene selbst, die Leute waren begeistert. Nur die Medien haben sich ereifert. Überall sei sie nach dem Krieg freundlich aufgenommen worden, nicht zuletzt in Berlin, der Stadt, deren Kind sie zeitlebens blieb.

Rivas Film scheut sich nicht vor emotionalisierendem Musikeinsatz und Off-Erzählung. Dennoch ist er frei von jedem propagandistischen Unterton, der manche Dokumentarfilme, auch wieder auf der diesjährigen Berlinale, so schwer erträglich macht. Zwar ist er das, was wir gemeinhin als »amerikanisch« bezeichnen – er bemüht sich um Ausgewogenheit, feiert die Familie, sucht den Sinn des ganzen oder will ihn herstellen. Doch all diese Merkmale erscheinen bei Riva als Stärke, denn es ist stets spürbar, daß sie nicht kalkuliert sind, sondern einem ehrbaren Anliegen entspringen. 1970-01-01 01:00

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