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Marie Antoinette

USA 2006. R,B: Sofia Coppola. K: Lance Acord. S: Sarah Flack. M: Jean-Benoît Dunckel, Nicolas Godin, Steven Severin u.a. P: Columbia Pictures, American Zoetrope. D: Kirsten Dunst, Jason Schwartzman, Rip Torn, Molly Shannon u.a.
123 Min. Sony Pictures ab 2.11.06

Smells Like Teen Spirit

Von Cornelis Hähnel Daß Celebrities als Kollektivideale und somit als Projektionsfläche für Wünsche und Träume herhalten müssen, ist durchaus keine Erfindung der modernen Kommunikationsgesellschaft, nur passiert es heutzutage schneller und umfassender. Einhergehend mit der Bewunderung wächst aber auch das Verlangen nach Klatsch und Tratsch, Informationen über aktuelle Affären und stilistische Fehltritte. Wenn Marie Antoinette heute leben würde, wäre sie wohl das beliebteste Opfer verbaler Diskreditierung, aber auch begeisterte Leserin dieser Gossipmagazine. Gerade zu dieser Zeit herrschte eine unvorstellbare Klatschsucht, der Verlust des Glaubens an große Dinge steigerte den Drang nach dem Blick der decouvrierenden Nähe. So berichten sämtliche Bücher der Zeit, wie Marie Antoinette ihr erstes Kind in einem mit neugierigen Schaulustigen überfüllten Raum gebar und aufgrund des herrschenden Sauerstoffmangels ohnmächtig wurde.

Sofia Coppola nähert sich dem Leben der Dauphine nicht in Form eines Biopics oder eines Psychogramms, sondern in einer Art Zustandsbeschreibung und konzentriert sich auf den Blick Marie Antoinettes auf das Leben um sie herum. Dies betreibt sie mit einer gewaltigen Ausstattungsorgie und requisitorischen Verschwendung, frei nach dem Motto: »Mehr ist mehr«, die der Lebenslust der Königin Frankreichs absolut gerecht wird. Marie Antoinette sah sich gern in der Rolle der modebewußten Stilikone, gab Unsummen für Kleidung aus teuersten Stoffen aus und strapazierte nicht nur die eigenen Finanzen, sondern ruinierte mit ihrem diktierten Modetempo beinahe sämtliche Französinnen, die ihr nacheiferten.

Der Film beginnt mit der Ankunft der 15jährigen Maria Antonia, Tochter des römisch-deutschen Kaiserpaares Franz I. und Maria Theresia, am Hof von Versailles. Sie ist Teenager einer neuen Generation, aufgewachsen in der Zeit des Rokoko. Die Steifheit und Etiketten des Barock haben für sie ihre Berechtigung verloren und sie lehnt sich gegen die strengen Reglementierungen am Hofe auf. Coppola konzentriert sich die gesamte erste Hälfte auf diese adoleszente Rebellion und präsentiert die ersten Jahre der jungen Monarchin als ewig andauernde Teenagerparty in Pink, Kanariengelb und Pistaziengrün, mit überschwänglichem Luxus und Torten ohne Ende. Schon der stark an die Sex Pistols angelehnte Schriftzug des Films unterstreicht den Widerstand gegen bestehende Konventionen und ist in seiner konnotativen »God Save the Queen«-Symbolik nur ein Beispiel für die leicht ironischen Verweise. Dennoch vermeidet Coppola glücklicherweise (trotz kleinerer Albernheiten wie Chucks im royalen Schuhschrank) eine plakative Modernisierung des Stoffes. Zwar kreiert sie eine abseits von gängigen sepiagetönten Kostümfilm-Klischees bunte und aktuell-verspielte Welt, aber dies bleibt, trotz des von Neo Romantik-Bands wie New Order und Siouxie and the Banshees geprägten Soundtracks nur eine feine Subjektivierung ihres Blicks auf Marie Antoinette. Ein Blick auf die Dauphine, die in der Glanzzeit der Freundschaft, der Frühromantik, sich fast ausschließlich mit jungen Leuten umgab und somit den würdigen alten Damen und konservativen Ministern des Hofes konträr gegenüberstand.

Mit der Geburt ihrer Tochter kommt nicht nur Marie, sondern auch der Film erstmals zur Ruhe. Die Bilder werden ebenso einfacher und reduzierter wie die Kleidung der Protagonistin. Reminiszenzen zu The Virgin Suicides kommen auf: Wenn Kirsten Dunst verträumt im weißen Gewand im Gras liegt und sich die Sonne in der Kamera spiegelt, scheint Coppola sich selbst zu zitieren. Die eingekehrte Ruhe wird im letzten Teil, dem Beginn der Revolution, in ihrer Schlichtheit zum Gegenpol der zuvor zelebrierten Popkultur.

Daß Marie Antoinette nicht den Anspruch erhebt, ein informierender Geschichtsfilm zu sein, wird deutlich in der Aussparung der Folgen der Revolution. Er endet mit der Flucht des Königspaares, die Enthauptung der Königin bleibt beispielsweise unerwähnt. Überhaupt erscheinen politische Elemente wenn, dann nur am Rande. So ist Marie Antoinette ein berauschender, ästhetisch perfekter Film geworden, der von der leuchtenden Kraft seiner Oberfläche lebt, aber gerade dadurch auch angreifbar wird. Und viele werden nicht mehr als ein Nachbild der umwerfend schönen Kirsten Dunst auf ihrer Netzhaut mitnehmen, was aber auch nicht zu verachten ist. 1970-01-01 01:00

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