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Maria voll der Gnade

Maria Full of Grace. USA/CO 2003. R,B: Joshua Marston. S: Anne McCabe, Lee Percy. K: Jim Denault. M: Jacobo Lieberman, Leo Heiblum. P: Journeyman Pictures, Tucan Producciones, HBO u.a. D: Catalina Sandino Moreno, Yenny Paola Vega, Guilied Lopez, John Álex Toro, Patricia Rae u.a.
101 Min. Universum ab 21.4.05

Maulesel in Amerika

Von Sascha Seiler Bitte nicht auf den Titel hereinfallen! Maria Full of Grace ist nicht etwa das katholische Absolutionsspektakel, das bei dieser Thematik eventuell sogar zu erwarten war, sondern ein visuell wie inhaltlich grandioser Film, der darüber hinaus vor allem eines beweist: Wie die Fernsehästhetik in den USA dem stereotypisierten Mainstream-Kino langsam aber sicher den Rang abläuft.

Illustriert wird diese These anhand des Pay-TV-Senders HBO, der auch Maria voll der Gnade produzierte. Hier werden narrativ komplexe und, was die Darstellung von Sexualität angeht, überaus innovative Serien wie Six Feet Under oder Sex & the City aufgrund des Pay-TV-Status offensichtlich problemlos einer eigentlich immer prüder werdenden amerikanischen Öffentlichkeit zugemutet. Derzeit begeistert der Sender nicht nur mit der visuell überwältigenden und vollkommen anti-klimaktisch (also Anti-Hollywood) erzählten Serie Carnivàle, die von einer Freakshow in den 30er Jahren handelt, im Grunde aber nur eine komplex angelegte Allegorie für die Zeit der Großen Depression ist. Und natürlich war da vor zwei Jahren noch Angels in America, Mike Nichols' hochdekorierte Adaption von Tony Kushners Theaterstück. Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß HBO es sich als Mainstream-Organisation (mit Indie-Diskursen hat das Ganze hier nämlich wenig zu tun) leistet, neue Wege zu gehen, um verkrustete narrative und moralische Strukturen im amerikanischen Fernsehen aufzubrechen.

Maria voll der Gnade, eigentlich auch fürs Fernsehen konzipiert, ist wiederum ein subtiler Weg, ein Mainstreampublikum mit unangenehmer sozialer Realität zu konfrontieren, ohne ein einziges Mal auf die Tränendrüse zu drücken oder ins Pathos abzugleiten. Denn zugegeben: Ein Drama über ein armes kolumbianisches Bauernmädchen, das in die Hände von skrupellosen Drogenbaronen fällt, die sie als »Mula«, als menschlichen Maulesel, mit kiloweise Heroin im Magen in die USA schicken, wo die Dinge sich nochmals zu Schlimmerem entwickeln, lädt regelrecht zu jener Passionsgeschichte ein, die der Titel vermuten läßt. Aber nein. Der Film wirkt eher dokumentarisch, wobei die – und das ist hier positiv gemeint – Fernsehästhetik verhindert, dem Ganzen einen Arthouse-Stallgeruch zu geben. Virtuos bewegt sich das Drama so zwischen einer spannenden, TV-gerecht aufgearbeiteten Geschichte und einer totalen Verweigerung des Mainstream, die allein dadurch wirksam wird, daß der ganze amerikanische Film in Spanisch mit kolumbianischen Hobby-Schauspielern gedreht wurde. Wie gut das funktioniert, zeigt die Oscar-Nominierung für die Hauptdarstellerin Catalina Sandino Moreno, die sich zwischen den üblichen Verdächtigen ganz schön seltsam machte. Man merkt, daß dieser Film für den Regieneuling Joshua Marston ein Herzensanliegen war, das er mit aller Konsequenz umsetzen wollte. Es steht aber auch nach Ansicht des Trailers zu befürchten, daß der Film in der professionellen deutschen Synchronisation nicht mehr so gut funktionieren wird, weil diese das Dokumentarische, ästhetisch Kontrapunktische des Films verschwinden lassen wird.

Denn die Bilder, die Marston zeigt, changieren zwischen Wackelkamera, TV-Sozialdrama und gar Hochglanzthriller. Doch das macht den Film erst recht radikal: In keinem noch so spannenden Thriller der letzten Jahre hat man eine solch nervenzerreißende Szene gesehen wie die 15minütige Episode in dem Flugzeug, das die »Mulas« in die USA bringt. Angst wird zu Verzweiflung, die Flugzeugtoilette zum Ort des Grauens.

Maria voll der Gnade ist ein großartiger Versuch, im Mainstreamkino Authentizität zu vermitteln, ohne die Autonomie des Autorenfilms zu verraten. Es bleibt zu hoffen, daß HBO diesen mutigen Weg weiter gehen wird und den Kampf gegen überalterte Rollenklischees aufnimmt. 1970-01-01 01:00

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