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Der Mann ohne Vergangenheit

Mies vailla menneisyyttä. Fin/D/F 2002. R,B: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. S: Timo Linnasalo. P: Pandora Film, Sputnik Oy u.a. D: Markku Peltola, Kati Outtinen, Annikki Tähti, Juhani Nimelä Kaija Pakarinen u.a.
97 Min. Pandora ab 14.11.02

Danke für meine Arbeitsstelle

Von Thomas Warnecke Was mag es zu einem Film von Kaurismäki noch zu sagen geben, da sein Kino – oder auch: sein Stil – so oft schon beschrieben wurde; manchen (Andreas Kilb in der »Zeit«) schienen die Möglichkeiten seiner Lakonie, seines filmischen Minimalismus' mit Tatjana erschöpft, andere sahen ihn mit dem Stummfilm Juha die letzte Konsequenz einer fortlaufenden Reduktion erreichen, was schon deshalb falsch ist, weil er dann noch einen Film hätte machen müssen – ohne Bilder. Und dann hat Kaurismäki angeblich auch noch mit dem Trinken aufgehört.Gegen das Trinken zieht ja u.a. auch eine sangesfrohe Schar von Gotteskriegern zu Felde, und in Der Mann ohne Vergangenheit ist Kati Outinen eine von ihnen. Sie verteilt Suppe und Kleidung, und vor dem Einschlafen hört sie Rock'n'Roll. Von dem Kaurismäki Gott und Teufel gemeinsam wohl nicht abbringen könnten. Das gehört zu seiner Kunst, und deshalb wird er so lange weitermachen, wie er kann: Er hält nicht nur Team und Schauspielern die Treue, sondern auch der Musik und den Requisiten. So steht die obligate Jukebox im Container des Titelhelden.

Der veräußerten christlichen Nächstenliebe der Heilsarmee stellt Markku Peltola verinnerlichtes protestantisches Arbeitsethos gegenüber: Rechtschaffen will er sich seinen Platz verschaffen, doch ein Franz-Kafka-Gedächtnisstaat schmeißt dem vorübergehend Namen- und Geschichtslosen ständig Knüppel zwischen die Beine. Kaurismäki ist auch seinen Themen treu geblieben und natürlich seiner Filmsprache: Timo Salminen bewegt die Kamera nur, wenn es die Bewegung der Darsteller unbedingt verlangt, sonst wird geschnitten, weil Schwenks zu sehr Effekt wären angesichts der fragilen, nach Juha wieder traumschön farbigen Einstellungen, die so vollkommen kadriert sind. Diese »protestantische« Bildsprache ist der eine Gipfel des europäischen Kinos, Almodovars »katholische« der andere.

Beeindruckend ist dabei, wie breit das Ausdrucksspektrum in Kaurismäkis neuem Film ist. Zu Beginn kalt, frostig fast, hart und traurig, taut der Film merklich auf, als Peltola der Heilsarmeekapelle Rock'n'Roll beibringt, obwohl seine Schwierigkeiten deshalb nicht geringer werden. Man müßte den Film zwei-, dreimal sehen, vor- und zurückspulen, um herauszufinden, wie Kaurismäki das gemacht hat. Auch dann könnte man nur ahnen, warum die zaghaften Umarmungen seiner Underdogs zum Schönsten, Zärtlichsten dieses Kinojahres gehören, obwohl sie sich doch fast ungelenk vor einer scheinbar ungerührten Kamera abspielen.

Im Titelhelden, einer Art Forrest Gump der Slums, spiegelt sich der Regisseur wider: Aki Kaurismäki ist die reine Seele des Kinos. Er beschämt alle Leinwandparfümeure und Bilderprotzer, Gewaltfanatiker und Gutmenschen und zeigt ihnen und uns, wie ein ganzes Universum menschlicher Gefühle, von Tragik und Komik, Armut und Glück, durchlaufen werden kann, ohne deshalb große Schritte machen zu müssen. Wieder bringt er die Reise seiner stillen Helden an ein Ende, das die Erfüllung eines Kinotraums darstellt: Der eigenschaftslose Heilige darf wieder Mensch sein, Odysseus muß nicht heimkommen, wenn er nicht will.

Die im Abseits stehen werden in Aki Kaurismäki immer ihren Homer behalten. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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