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Der Mann, der die Sterne macht

L'Uomo delle Stelle. I 1994/95. R: Giuseppe Tornatore. B: Fabio Rinaudo, Guiseppe Tornatore. K: Dante Spinotti. S: Massimo Quaglia. M: Ennio Morricone. D: Sergio Castellitto, Tiziana Lodato u.a.
105 Min. Filmwelt-Prokino ab 11.7.96
Von Daniel Hermsdorf Dottore Morelli sammelt Gesichter. Er läßt sie posieren, Profil rechts, links, centro, und er läßt bezahlen, 1500 Lire. Ehrgeizige Eltern und hoffnungsvolle Sprößlinge, Wegelagerer, Polizisten und Kriegsversehrte geben sich der Linse preis. Morelli ist ein reisender Priester, sein Zelt ein theatralischer Beichtstuhl. Seine Kamera saugt an Gesichtsfurchen und lichtet Geschichten ab, die nicht vergessen werden sollen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet er auch im letzten sizilianischen Dorf die Goldgräberstimmung des frühen Kinos. Und manches weist ihn als Schlawiner aus, manches Schachern, manche Nötigung. Beata läßt sich ganz von dem Traum einnehmen, den Morelli verkauft, und flüchtet aus dem Kloster in seinen Kastenwagen. Sie will nach Rom, wo Morellis Zelluloidstreifen angeblich entwickelt, die neuen Gesichter für die Leinwand ausgewählt werden.

Die Schattenspiele in Morellis erleuchtetem Zelt holen die Vorläufer des Kinos in die Gegenwart, und Dante Spinottis Kamera streift in langen Plansequenzen die Dörfler, die für ihre Darbietung vor der surrenden Apparatur Dialogzeilen aus Gone with the Wind proben: die Kinder, die Greise und auch die Stummen, alle »Soldaten des Südens«.

Und Tornatore kramt in seinem schlanken Œuvre, vornehmlich dem etwas süßlichen Nuovo Cinema Paradiso (1989) mit seiner Kinonostalgie und dem einzigartigen Stanno tutti bene (1990) mit seiner Italienreise.

Der Mann, der die Sterne macht muß dem Kinoliebhaber gefallen, weil er in seiner Erzählung das Verhältnis zum Objektiv auskundschaftet: das wandernde Auge Morellis, die sich produzierenden Chargen der Rummelplatzattraktion Kino. Und er muß den Kritikern aufstoßen, weil ein Regisseur seine Geschichte auffressen läßt von all den Stereotypen, die die Phantasiemaschine produziert hat. So charmant die Momentaufnahmen, so abgeschmackt die aufgekochten Melodram-Ingredienzen, die Ennio Morricones Soundtrack immerhin nicht ganz so schwülstig überhöht wie in Nuovo Cinema Paradiso. Auch Formalia wie überblendete Erinnerungsbilder sind neben einer zunehmend kalkulierbaren Handlung nicht nur in Tornatores eigenem Werk redundant. Der Mann, der die Sterne macht ist Flucht vor der Gegenwart seines Mediums und filmischer Urlaub in pastellenen Landschaften, in die man dem Regisseur gerne folgt – und enttäuscht zurückkommen muß in diese Welt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #03.
© 2012, Schnitt Online

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