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Manderlay

D/DK/S/F/GB/NL 2005. R,B: Lars von Trier. K: Anthony Dod Mantle. S: Molly Steensgaard. P: Zentropa, Pain Unlimited, Memfis, Heimatfilm. D: Bryce Dallas Howard, Isaach de Bankolé, Danny Glover, John C. Reilly, Lauren Bacall, Willem Dafoe, Chloé Sevigny u.a.
139 Min. Legend Films ab 10.11.05

Demokratie für alle

Von Oliver Baumgarten Wie ein Schnittmuster inszeniert Lars von Trier die stilisierte Landkarte der USA, über die am Beginn von Manderlay das Gangsterauto rauscht, um vom Dörfchen Dogville ins Fleckchen Manderlay zu gelangen. Wie ein Schnittmuster auch läßt er seinen Blick auf dieses Land erscheinen, auf seine Bewohner und seine Geschichte. Wie Schattenfiguren scheinen die Charaktere ausgeschnitten, auf gängige Prototypen geleimt und anschließend auf einer undekorierten Probebühne aufeinander losgelassen. Die so entstandenen Oberflächenkonturen der Figuren und die Austauschbarkeit der theatralen Kulisse öffnen von Trier Tür und Tor, um eine präzise und pointierte Parabel auf Aspekte amerikanischer Geschichte und Politik anzusetzen.

Vordergründig scheint sich Manderlay mit der Geschichte des Rassismus in den USA zu befassen. Grace – eben noch in Dogville, nun auf der Weiterfahrt in Manderlay strandend – trifft auf eine isolierte Baumwollfarm, auf der das System der Sklaverei noch immer praktiziert wird. Ungeachtet gegenteiliger Entwicklungen herrscht hier eine weiße Matrone über die von Sklaven bewirtschaftete Plantage. Als die Alte stirbt, nutzt Grace das entstandene Machtvakuum, bedient sich der bewaffneten Gangster ihres Vaters und beginnt, die Sklaverei auf der Plantage durch ein demokratisches System der Mitbestimmung und Mehrheitsprinzipien zu ersetzen. Doch die unmenschliche, aber eherne Tradition erweist sich als störrisch, und auch positiver Rassismus ist immer noch Rassismus.

Ähnlich wie in Dogville herrscht auch hier in Bezug auf die Ausstattung der vorgetäuschte Illusionsbruch vor, indem etwa die Wände einer Hütte durch Striche auf dem Atelierboden angedeutet werden. Durch die so entstandene Konzentration auf Figuren und Dialog, unterstützt durch die stark fokussierende Kameraarbeit von Anthony Dodd Mantle, schlägt der Effekt aber fast ins Gegenteil um. Der Sog, den die Inszenierung und das Spiel der wunderbaren Darsteller auslösen, verstärkt das Einlassen auf die parabelhafte Struktur, in der Lars von Trier ausgiebig Platz für Assoziationen läßt. So ist Manderlay eben auch als intelligente Reflexion auf Gutmenschtum und zu gut gemeinte Entwicklungshilfe zu lesen, mit der der reiche Westen seine vermeintlich einzig wahren Errungenschaften zum Teil gedankenlos über den Globus verteilt.

Das provokante Pathos des gezielten moralischen Zuviels, das von Trier seit Breaking the Waves nachdrücklich auszeichnet, tritt auch in Manderlay szenenweise schmerzhaft zutage. Dancer in the Dark etwa schien ja einzig und allein auf diesen dramaturgischen Effekt hin konzipiert, die Zuschauer trotz manierierten Konzepts dahin zu lenken, daß sie den emotional galaktisch überhöhten Schluß klaglos hinnehmen. Vom filmischen Standpunkt aus faszinierend bleibt in diesem Zusammenhang, daß es ihm zweifellos meisterlich gelingt, solche Momente konsequent und stimmig zu erzwingen, so daß es unmöglich scheint, sich ihnen selbst gegen den eigenen Willen zu entziehen.

Und so bleiben in Manderlay spannend und intelligent erzählte 139 Minuten zum hemmungslosen Assoziieren. Zum Beispiel so: Grace, als Mother America, befreit das versklavte, exotische Land, um es mit Waffengewalt zwangszudemokratisieren und sich an seinem Reichtum zu beteiligen. Auch eine schöne Lesart eines als zweiter Teil einer Amerika-Trilogie angekündigten Films. 1970-01-01 01:00

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