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Der Manchurian Kandidat

The Manchurian Candidate. USA 2004. R: Jonathan Demme. B: Dean Georgaris, Daniel Pyne. K: Tak Fujimoto. S: Carol Littleton, Craig McKay. M: Rachel Portman, Wyclef Jean. P: Scott Rudin, Tina Sinatra. D: Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight u.a.
130 Min. UIP ab 11.11.04

We’re all living in America

Von Dietrich Brüggemann Der Politthriller ist als Genre, je realitätsnäher er sein will, desto unfilmischer. Männer in dunklen Anzügen reden miteinander – wer schaut sich so was schon zwei Stunden lang an? Man tut daher gut daran, sich eine spektakuläre Grundidee zu besorgen, die für Action sorgt. Darunter leidet zwar die Realitätsnähe, dafür steigt aber die Beteiligung des Zuschauers. Je größer der Abgrund ist, in den er blickt, je größer die Fallhöhe zwischen der Geborgenheit des Kinosaals und der haltlosen Finsternis, die er uns vorführt, je mehr er uns alle Sicherheiten unter den Füßen wegzieht, desto besser. Nichts ist so, wie es scheint – aber wir haben es uns schon immer gedacht.

John Frankenheimers The Manchurian Candidate, 1962 ins Kino gekommen, machte Furore, weil er einerseits der grassierenden Angst vor dem Kommunismus und der »gelben Gefahr« eine neue, finstere Note gab, weil er aber auch andererseits einen kritischen Blick auf das schmutzige Geschäft der heimischen Politik warf: Ein Soldat wurde im Koreakrieg vom Feind einer Gehirnwäsche unterzogen und machte nun Karriere als Politiker, während allein ein alter Kriegskamerad (seinerzeit von Frank Sinatra gespielt) ahnt, was da gespielt wurde. Auf deutsch hieß dieser Film damals Botschafter der Angst – wenn jetzt ein Remake unter dem Titel Der Manchurian Kandidat erscheint, fragt man sich zunächst schon mal, wer da so beherzt Hand an seine Muttersprache gelegt hat. Aber halt, der Titel führt geradewegs zur ersten, entscheidenden Aktualisierung des Stoffes: Der Kandidat ist kein Kommunist, sondern Marionette eines Konzerns namens »Manchurian«, der auf diese Art die Macht im Weißen Haus an sich reißen will. Seine Heldentaten im Golfkrieg sind gefälscht, in seinem Gehirn sitzt eine Sonde, und nur ein alter Kriegskamerad, diesmal von Denzel Washington verkörpert, riecht Lunte und schlägt Alarm.

Nun kann man zur Plausibilität dieses Plots einiges ins Feld führen – warum sollte ein Konzern seinen Strohmann höchst umständlich fernsteuern, wenn er ihn einfach kaufen kann, was sowieso ständig geschieht? Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es geht nicht darum, was der Film sagt, sondern was er zeigt, und man muß zunächst einmal wieder den Hut vor Hollywood ziehen, das es immer wieder schafft, aus unglaubwürdigen Ideen unglaubliche Filme zu machen.

Jonathan Demmes Film ist eine Reise in ein glänzendes Amerika, in das Land der vertrauenerweckenden Männer im Fernsehen, die mit einfachen Botschaften die Herzen all der ehrlichen Menschen dort draußen für sich gewinnen. Zur politischen Relevanz der Geschichte muß man Wochen vor der Ab- oder Wiederwahl des Ölscheichs im Weißen Haus ohnehin nicht viel sagen. Demme hält sie uns auch gar nicht besonders vor die Nase, sondern widmet sich seinen Figuren, von denen Washington als der Mann, dem keiner glaubt, weil er ja in der Tat etwas seltsam rüberkommt, noch der simpelste ist. Meryl Streep spielt mit diebischer Freude die machtversessene amerikanische Übermutter, Liev Schreiber als ihr Sohn schafft schöne Brüche zwischen dem Fernseh-Strahlemann und dem ödipalen Grübler, in den er sich verwandelt, sobald die Kameras aus sind. Aber die entscheidende Rolle spielt eigentlich die Wahlkampagne, die Demme durchaus realitätsnah und mit sichtlichem Vergnügen als gigantische Begeisterungsmaschine inszeniert. Hier, in der letzten halben Stunde, hebt der Film zu seinem eigentlichen Höhenflug ab – die entscheidende Szene der großen Siegesfeier erinnert sicher nicht zufällig an einen anderen Mordanschlag mit Musik, als am Ende von Hitchcocks The Man Who Knew Too Much der Mörder auf den Höhepunkt einer orgiastischen Inszenierung warten muß, um zuzuschlagen. Wer ist hier gut, wer böse, und was passiert eigentlich? Man geht voller Fragen hinaus und denkt nach, und genauso ist es im wirklichen Leben ja auch.

Demme schafft es, die Fallhöhe seiner leicht irren Grundidee mitzunehmen und einen großen, mitreißenden Kinofilm daraus zu machen, der dann aber doch von der Welt erzählt, in der wir nun mal leben. Was will man mehr. 1970-01-01 01:00

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