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Malen oder Lieben

Peindre ou faire l'amour. F 2005. R,B: Arnaud Larrieu, Jean-Marie Larrieu. K: Christophe Beaucarne. S: Annette Dutertre. P: Philippe Martin, Géraldine Michelot. D: Sabine Azéma, Daniel Auteuil, Amira Casar, Sergi Lopez u.a.
98 Min. Prokino ab 15.6.06

Wahlverwandtschaften

Von Constanze Frowein Arnaud und Jean-Marie Larrieus in Cannes 2005 hochgelobter Film Malen oder Lieben macht Lust auf ein (Liebes-)Leben jenseits des Berufs. Denn die beiden Hauptakteure des gar nicht schwer in der Magengrube lastenden französischen Films entdecken nach ihrer über dreißigjährigen Ehe das Leben und vor allem die Leidenschaft ganz neu. Auslöser scheint die alte Walnußfarm zu sein, welche die über fünfzigjährige Madeleine beim ersten Anblick zu erwerben beschließt. Hier lernen sie und ihr Mann William dann nach Einzug auch den blinden Bürgermeister Adam und seine schöne Frau Eva kennen.

Wo andere Paare an Stillstand oder auseinanderklaffender Frustration über das Altern zerbrechen, entdecken Madeleine und William ihre synästhetisch untermalte und in unvorhersehbare Wallung gebrachte Sinnlichkeit auf eine völlig neue Weise. So lassen es die Gebrüder Larrieu nicht aus, das Treiben immer wieder mit teils lustvoll-metaphorischen oder aber grotesk-offensichtlich wirkenden Bildern zu spicken, wenn beispielsweise William seine neu entfachte Potenz immer wieder mit dem anschließenden Sprenkeln der Blumen unterstreicht, kann er zwar beglückwünscht, aber auch belächelt werden.

Eine tiefere Dimension entwickelt sich mit der gar nicht behutsam entstehenden Menage à quatre zwischen den beiden Paaren, wenn der blinde Adam seine drei Weggefährten in die vieldimensionalen Möglichkeiten des Nicht-Sehens einführt. Immer wieder sind drei Sehende auf die blinde Orientierung ihres Freundes Adam angewiesen. Und so bedeutet Dunkelheit die Möglichkeit, Vertrauen zu fassen, aber auch eine bis dahin nicht gekannte Form der Sexualität zu entdecken. Anhand eines Gemäldes erklärt Adam seinen Freunden eine Welt, die nicht mit dem Verstand oder den Augen erfahrbar ist: Wer also könnte wohl besser über die auratischen Auswirkungen eines Gemäldes referieren als ein Blinder?

Die Aura des Kunstwerks benannte schon Walter Benjamin in seinem berühmten Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« mit seinem »Hier und Jetzt«. Der Moment und der Ort sind also entscheidend für den höchst dunstigen Begriff, von dem der blinde Adam sagt, Aura würde den ganzen Raum verändern, sei es nun durch die bloße Anwesenheit, den Geruch der Farben oder einzig und allein das Bewußtsein über den Inhalt der Kunst, der die Bedeutung des Raums prägt oder gar wandelt. Und so ändert der Einzug in das alte Landhaus und dessen Aura die strukturierte Welt eines Paares, das bisher zwischen Golfspielen und gepflegten Abendessen entscheiden mußte, in einen die Möglichkeit zur Kontemplation bejahenden Lebensabend. 1970-01-01 01:00
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