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Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Girl With a Pearl Earring GB/L 2003. R: Peter Webber. B: Olivia Hetreed. K: Eduardo Serra. S: Kate Evans. M: Alexandre Desplat. P: Archer Street Prods., Pathé Pictures u.a. D: Scarlett Johansson, Colin Firth, Cillian Murphy, Tom Wilkinson u.a.
101 Min. Concorde ab 23.9.04

Leinwand ist nicht gleich Leinwand

Von Jutta Klocke So nah wie im Schlußbild von Peter Webbers Spielfilmdebüt wird man Johannes Vermeers »Mädchen mit der Perle« wohl niemals kommen. Die Kamera zoomt wie in Zeitlupe aus dem titelgebenden Schmuckstück heraus, bis am Ende das Porträt der (in Wahrheit unbekannten) Trägerin die gesamte Leinwand ausfüllt. Gleich einer letzten Huldigung sowohl gegenüber dem Objekt als auch dem Schöpfer des Gemäldes bleibt die Einstellung einen Moment eingefroren, bis schließlich der Abspann abläuft.

Die hier beteuerte Verehrung ist allerdings bereits im gesamten Film, der den Entstehungsprozeß des Porträts erzählt, nicht zu übersehen. Während die Handlungsebene das Mädchen zur stillen, charakterlich aber gefestigten Dulderin des eigenen Schicksals emporhebt, bildet Eduardo Serras Kameraführung im Zusammenspiel mit der detailgetreuen Ausstattung ein einziges filmisches Zitat, eine Hommage an den alten Meister. Die Inszenierung des Lichteinfalls kreiert einen ähnlich sphärischen Eindruck der Innenräume, wie Vermeer selbst ihn in seinen Bildern schuf. Oberflächen und Texturen werden greifbar, Gesichter und Körper theatralisch in Pose gesetzt. Die erzielte Ästhetik ist in der Tat eindrucksvoll. Als fließende Aneinanderreihung von Szenerien, Stilleben oder Personnagen verbindet sie sich aber nicht wirklich organisch mit dem eher flach angelegten Inhalt.

Das Handlungsskelett begnügt sich mit einfachsten Machtstrukturen, personalisiert durch Figuren, die mit kaum mehr ausgestattet sind als grobgezeichneten Stellvertretermerkmalen. Die im Geiste nach Höherem strebende Hausmagd Griet wird zum Spielball der Verhältnisse, als ihre Beziehung zum neuen, unnahbaren Dienstherrn dank der gemeinsamen Liebe zur Malerei inniger wird, als es der hysterischen Ehefrau, der hexengleichen Schwiegermutter, dem herzensguten standesgemäßen Verehrer oder dem aufdringlichen Mäzen lieb sein kann. So gefällig diese Figurenkonstellation aber auch sein mag, die Präsentation der leisen Annäherung zwischen Magd und Maler bleibt zurückhaltend. Damit kommt die Narration der gewählten Form der Tableau-Collage zwar entgegen, wirklich verschmelzen können die beiden Ebenen aber nicht. Dazu ist die Erzählung zu konkret, der Drang nach einer zusammenhängenden Geschichte zu groß.

Vielleicht stand Webber einfach die eigene Begeisterung an der Thematik im Weg. Wie schon Tracy Chevalier in ihrer Romanvorlage versucht auch er, den Wert eines künstlerischen Werkes durch die Lieferung seiner – wenn auch so durchaus denkbaren, aber dennoch fiktiven – Vorgeschichte zu steigern. Statt dessen führt aber die Enthüllung des Kontextes eher ins Gegenteil. Dem Kunstwerk wird der eigenständige Wert abgesprochen; plötzlich braucht es eine Fülle von Bildern, um dieses eine zu erklären und zu begreifen. Muß man denn wirklich unbedingt wissen, was die Mona Lisa zu ihrem berühmten Lächeln brachte oder eben das Mädchen mit der Perle zu seinem gleichsam wehmütigen wie fordernden Blick über die Schulter? Seinen Zauber erhält Vermeers Gemälde erst in der Schlußeinstellung zurück, wenn Griet wieder zur Namenlosen wird und der Ohrring zum Zentrum eines Unikats, das in seiner Darstellung eines einzelnen Moments mehr Aussagekraft birgt als die ganze vorangegangene (V)Erklärung seiner Entstehungsgeschichte. 1970-01-01 01:00
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