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Das Mädchen aus dem Wasser

Lady in the Water. USA 2005. R,B: M. Night Shyamalan. K: Christopher Doyle. S: Barbara Tulliver. M: James Newton Howard. P: Warner Bros., Blinding Edge Pictures. D: Paul Giamatti, Bryce Dallas Howard, Jeffrey Wright.
109 Min. Warner ab 31.8.06

Tod eines Kritikers

Von Mary Keiser Shyamalan hat aus einer Gute-Nacht-Geschichte für seine Kinder einen Film gemacht – in dem dann ein Filmkritiker gefressen wird. Zuhause bei den Shyalamans wissen bestimmt auch die Kleinsten, gegen welche Monster sie sich zu wehren haben: die kleinen, grauen, humorlosen Männer (manchmal auch Frauen), die Papis Filme immer viel zu unverständlich finden. Deshalb ist die Figur des Kritikers Harry Farber auch zentral für die Story, nein, nicht für die Nixe desselben Namens, sondern für die Filmhandlung, die sich ausschließlich innerhalb der umgrenzten Welt des Appartmenthauskomplexes »Cove« abspielt.

Dessen Bewohner, allen voran der schüchterne Hausmeister Cleveland, versuchen der Nymphe, die von bösartigen Kreaturen verfolgt wird, zur unbeschadeten Rückkehr in die Wasserwelt zu verhelfen. Es ist ein Märchen ohne märchenhafte Kulissen oder Kostüme, als würde eigens vor dem stets unbeteiligten Harry Farber eine Generalprobe aufgeführt.

Doch die Schauspielkunst Paul Giamattis und nicht zuletzt die feenhafte Musik zieht einen in den Bann der Geschichte, welche stets vom Kritiker begleitet, begutachtet und kommentiert wird. Ihm werden bei seinem Einzug die einzelnen stereotypen Charaktere regelrecht vorgeführt. Die genialen Kameraperspektiven lassen dabei keinen Zweifel an seiner Wichtigkeit. Oft sieht man die Personen nur von hinten und macht sich allein durch seinen abschätzenden Blick ein Bild von ihnen. Mal folgt die Kamera auch seinem Blick und läßt die skurrilen Typen direkt in den Zuschauerraum hineinsprechen.

Seine eigene starke Codierung nimmt der Film wiederum auf die Schippe: Die Mieter müssen einen Code entschlüsseln, um Story retten zu können, im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu befragen sie den Einzigen, der ihnen bei den Schritten, die sie vollziehen müssen, helfen kann: den Kritiker, der ihnen dramaturgisch auf die Sprünge hilft. Er erläutert Cleveland seine Theorien über genormte Handlungsstrukturen; So und nicht anders hat es anzufangen, sich zu entwickeln und aufzulösen. In Mädchen aus dem Wasser irrt er sich, Shyamalan folgt nicht der festen, von Hollywood vorgegebenen Formel, weicht ab, verunsichert.

Der Pool ist die Schnittstelle zwischen profaner Welt, dem Appartmenthaus voller zynischer Menschen, und der unbekannten mystischen Welt, dem Dickicht des Waldes auf der anderen Seite. Cleveland betritt auf der Jagd nach dem unbekannten bösen Wesen, daß sich unheimlich aus dem Waldboden schält, die andere Welt, in der statt Logik Magie gilt. Auf seiner Flucht vor der Bestie stolpert er und fällt in den Alltag zurück, direkt vor die Füße des Kritikers. Dieser gibt indirekt einen Zwischenbericht über den Handlungsablauf, völlig unbeeindruckt von den Geschehnissen um ihn herum. An seinem Zynismus prallt die Schönheit des Irrealen ab, weshalb Shyamalan ihn sterben lassen muß, damit die Geschichte ungestört ihr wundersames und beabsichtigt unlogisches Ende finden kann. Dies sollte einem egal sein, ebenso wie Shyamalans Kindern, die bestimmt nicht Handlungsstringenz und Logik als oberste Priorität einer guten Geschichte sehen, dann kann man eine zauberhafte Geschichte erleben, die man vielleicht nur verstehen kann, wenn man sie nicht zwanghaft zu verstehen sucht. Damit wischt der Regisseur allen Zynikern eins aus. 1970-01-01 01:00
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