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Mädchen am Sonntag

D 2005. R,B: RP Kahl. B: Torsten Neumann. K: Tanja Trentmann. S: Stephanie Kloß. P: Erdbeermundfilm. D: Laura Tonke, Katharina Schüttler, Inga Birkenfeld, Nicolette Krebitz.
79 Min. Neue Visionen ab 26.1.06

Die Fantastischen Vier

Von Franziska Heller Pointiert hat Alexander Kluge einmal gesagt: »Ein Dokumentarfilm wird mit drei Kameras gefilmt: der Kamera im technischen Sinn (1), dem Kopf des Filmmachers (2), dem Gattungskopf des Dokumentarfilm-Genres, fundiert aus der Zuschauererwartung, die sich auf Dokumentarfilm richtet (3).« Wenige Filme scheinen dieses Zitat so deutlich nicht nur zu illustrieren, sondern auch noch die genannten Funktionszusammenhänge zu multiplizieren und diese dem thematischen Gegenstand anzupassen wie Mädchen am Sonntag.

Die Kamera »im technischen Sinne« rast begleitet von Motorengeräusch zu Beginn durch die grauen menschenleeren Straßen einer Stadt. Nach einem wahren Geschwindigkeitssog wird vor einem Kino angehalten. Man wird von einem Mädchen angeraunzt: »Komm, es hat schon angefangen!« Und tatsächlich hat mit dieser rasanten Fahrt nicht nur die Arbeit des Regisseurs begonnen, sondern auch – wahrscheinlich schon beim Blick auf das Kinoplakat – die Formierung einer Erwartungshaltung des Zuschauers. Dort prangen die Namen Laura Tonke, Katharina Schüttler, Inga Birkenfeld und Nicolette Krebitz. Über diese Schauspielerinnen wollte RP Kahl einen Film machen. Auch wenn man vielleicht nicht von allen vier gehört hat, so verbindet man doch mit einer oder zweien ein Gesicht und vor allem einen Film (etwa Ostkreuz mit Laura Tonke oder Sophiiiee! mit Katharina Schüttler).

Sowohl die Namen der Protagonisten des Films wecken bildliche Assoziationen als auch generell der Beruf der Schauspielerin. Zwischen Wiedererkennen und Akzeptanz in ständig wechselnden Rollen siedelt sich das Paradox einer erfolgreichen Schauspielerin an. Dem trägt RP Kahl Rechnung, indem er das Bildhafte, das Spielerische, das Gefallen-Wollen in seinen Film als Formprinzip überführt. Es ist weniger ein Film über die gezeigten Personen als über das Prinzip des »Bildermachens« im Film von Menschen und Schauspielern. Durch die Realexistenz der Schauspielerinnen hält Kahl das (fiktive) Versprechen – also die Erwartung – von Authentizität beim Zuschauer aufrecht.

Der Titel des Films verweist auf die scheinbar »intime« Atmosphäre; sonntags wird nicht gearbeitet, und man gibt sich privat. So erzählt Laura Tonke freimütig etwa von dem Bild, das sie von dem »Traumberuf« Schauspielerin hatte. Dabei wechseln sich Szenen zwischen dem Innen und Außen einer kalten nebligen Seeuferlandschaft und eines warmen, heimeligen Hotelzimmers ab. Auch Nähe und Distanz werden akzentuiert. Auf die persönlichen Erzählungen im Close Up folgen immer wieder weite, schweigende Wege Tonkes durch die Landschaft. In einem schneeverhangenen Wald verliert man schließlich ihre Kontur. Wenn man sie wieder zu entdecken scheint, ist es Katharina Schüttler, die im Bild ist. Sie berichtet ebenfalls aus ihrem schauspielerischen Leben – mal in einem Pferdeschlitten, mal in einer warmen Kneipe, wo im Hintergrund ein Fernseher läuft. Auch bei ihr wird mitten ins Gespräch hineingeschnitten.

Obwohl die Präsenz des Filmemachers nie geleugnet wird, werden die strukturierenden Fragen nie gestellt, sondern nur in Form von »Themenbereichen« mit Zwischentafeln eingeblendet. Irgendwann im Frühling sitzt Schüttler im Auto und Inga Birkenfeld neben ihr. Birkenfeld setzt Schüttler ab und fährt in den Sommer hinein. Es sind diese fließenden Übergänge und die Montage in die Erzählungen hinein, die – in Kombination mit den Zwischentafeln – erzählerischen »Suspense« erzeugen, da gezielt mit der Zuschauererwartung und dem Bildhaften des Films gespielt wird. Am deutlichsten wird dies in der letzten »Episode«, zu deren Beginn man eine androgyne Person durch eine Gemäldegalerie verfolgt, die sich dann als Nicolette Krebitz entpuppt. Sie nimmt die wiederkehrenden Themen von Alter, Geschlechterrollen, zyklischem Lebenslauf auf.

Zum Schluß wird der Zuschauer versucht, im spätsommerlichen Bild hinter einem Baum Nicolette Krebitz oder eines der anderen Mädchen zu suchen. Die Sensibilität für Aufmerksamkeitsführung des Zuschauers macht diesen Film mit seinem ganz eigenen Rhythmus so extrem interessant. Die Frage, die sich alle vier arrivierten Schauspielerinnen stellen – »Was ist wenn sie merken, daß ich gar nichts kann und nicht alles echt ist?« – erscheint in dieser filmischen Reflexion relativiert: Es ist alles eine Frage der Perspektive und der drei Punkte Kluges. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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