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Mademoiselle

F 2000. R,B: Philippe Lioret. B: Christian Sinninger. K: Bertrand Chatry. S: Mireille Leroy. M: Pierre Adenot. P: Alicéléo. D: Sandrine Bonnaire, Jacques Gamblin, Isabelle Candelier, Zinédine Soualem u.a.
85 Min. Alamode ab 21.2.02

Heiteres Märchen

Von Norbert Parzinger Trübe war der Himmel, bleigrau das Meer, und im Wald lag ein totes Kind. Als Sandrine Bonnaire und Jacques Gamblin vor drei Jahren zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera standen, war die Geschichte drumherum wohl dazu angetan, den Zuschauer frösteln zu lassen.

Claude Chabrol hatte sich mit Au coeur du mensonge auf das besonnen, was er seit jeher am besten konnte: einem Provinznest genau zusehen, wie es sich selber die kleinbürgerliche, zivilisierte Maske herunterreißt. Der bretonische Winter war ihm dazu der konsequente, alles umgreifende, vieles erklärende Rahmen.

Mademoiselle wurde im Frühsommer gedreht. Claire, Mitte dreißig, Mutter von zwei Kindern, ist beruflich in Südfrankreich. Für ihr Jahrestreffen hat ihre Firma ein kleines Schauspielerensemble zur Erheiterung engagiert, Pierre, Alice, Karim. Portionierte Kunst für ein paar Mark fünfzig, Pausenclowns letzten Endes. Doch diese Gruppe arbeitet quasi undercover. Sie improvisieren sich durch eine ganz alltägliche Situation hindurch und ziehen ihr dabei allmählich den Boden unter den Füßen weg, bis man merkt, daß dieser Grund nie so fest war, wie man glaubte.

Durch Zufall trifft Claire die Gruppe nach Ende der Veranstaltung wieder; sie hat ihren Zug nach Hause verpaßt, die Schauspieler erbieten sich, sie ein Stück mitzunehmen. Auf dem Weg liegt noch ein anderer Auftritt, eine Hochzeit. Claire kommt mit, wächst unversehens in die Gruppe hinein, lernt selber improvisieren; und während Pierre sie festhält auf diesem unsicheren Grund, begreift sie, daß es der Boden ihres eigenen Lebens ist, der da zu schwanken beginnt. Ziemlich genau 24 Stunden dauert diese Episode. Danach braucht Claire keinen großen Knall mehr, keinen Liebhaber, keinen Ausbruch aus ihrer geordneten Existenz; sie hätte gekonnt, das zählt.

Regisseur Philippe Lioret ist alles andere als ein Improvisateur. Er läßt Geschichten für die Kamera nachspielen, die er sich »Monate zuvor in Ruhe ausgedacht« hat. Dennoch atmet Mademoiselle echte Spontaneität, schwebend leicht und fast ein bißchen märchenhaft. Wer bei »französischer Film« automatisch »weinende Frauen am Fenster« assoziiert, darf sich überraschen lassen; das Klima ist eher heiter als melancholisch.

Lioret hat Sandrine Bonnaire erlaubt, zu lächeln und zu zeigen, welche Schönheit, welche Wärme sie ausstrahlen kann. Jacques Gamblin lächelt nicht, aus Prinzip sozusagen. Sein zerknittertes Gesicht zeigt keine wahrnehmbare Regung, sein Blick bleibt leer, und doch glaubt man ihm. Wie Jacques Dutronc, oder früher Serge Reggiani, beherrscht er die Kunst, Emotionen auszudrücken, ohne irgendetwas dazu zu tun; seine »présence minérale« nannten das die »Cahiers du Cinéma«, eine Präsenz, die etwas unbelebtes, fast steinernes an sich hat.

Liorets Story erinnert an Virginie Wagons Geheimnis. Auch dort dreht es sich um eine junge Frau mit ganz gutem Job und ganz netter Familie, die mit beidem im Grunde gar nicht unzufrieden ist. Auch dort öffnet sich dann unversehens ein Fenster, durch das die Protagonistin plötzlich einen fremden, aufregenden Duft wahrnimmt. Aber anders als dort weiß man nicht schon ohne hinzuschauen, wie die Geschichte weitergehen wird. Lioret legt sich nicht fest, er nimmt sich sehr zurück in seiner Inszenierung, deutet nur an, bleibt unverbindlich. Auch weniger intensiv, zugegeben; ob warm oder nur lau, darüber kann man sich streiten. Aber schließlich ist es kalt draußen. Auch ein bißchen Wärme hilft. 1970-01-01 01:00
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