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Machuca, mein Freund

Machuca. CHI/E/GB/F 2004. R,B: Andrés Wood. B: Roberto Brodsky, Mamoun Hassan. K: Miguel J. Littín. S: Fernando Pardo. M: José Miguel Miranda, José Miguel Tobar. P: Tornasol, Chilefilms u.a. D: Matías Quer, Ariel Mateluna, Manuela Martelli, Aline Küppenheim, Federico Luppi u.a.
120 Min. Tiberius ab 31.3.05

Die letzten Tage der Kindheit

Von Frank Brenner Wenn ein Land siebzehn Jahre lang unter einer unbarmherzigen Militärdiktatur gelitten hat, dauert es seine Zeit, bis die Wunden soweit vernarbt sind, daß man die Vergangenheit filmisch aufarbeiten kann. Bislang gibt es nur eine Handvoll chilenischer Filme, die sich nach dem Ende der Pinochet-Diktatur mit der Zeit befaßten, als die sozialistische Regierung Salvador Allendes gestürzt wurde und die militärische Willkür ihren Lauf nahm. In den letzten Monaten kamen mit der exemplarischen Auseinandersetzung mit den Foltermethoden der argentinischen Militärdiktatur, Junta, und mit dem Dokumentarfilm Allende – Der letzte Tag des Salvador Allende gleich zwei Filme in unsere Kinos, die den Mut besaßen, Stellung zu beziehen und auf filmische Weise Vergangenheitsbewältigung zu betreiben.

Andrés Woods Film Machuca, mein Freund hat wie kaum ein anderer als Katalysator gedient, um die Sünden der Vergangenheit zu sühnen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Da sich der Film in Chile rasch zu einem Überraschungshit entwickelte, wird der eilige Beschluß des chilenischen Gerichtshofes, die Immunität Pinochets aufzuheben, dem Einfluß von Woods Film zugute geschrieben.

Machuca gehört zu einer Gruppe Jungen, denen 1973 die Aufnahme in die renommierte St. Patrick's School for Boys ermöglicht wird, obwohl sie aus den Elendsvierteln stammen und für ihre Ausbildung dort keine Schulgebühren bezahlen können. Allendes Regierung verfolgte das Ziel, unabhängig von der sozialen Abstammung allen die gleiche Ausbildung zu ermöglichen. Der Schulhof teilt sich alsbald in zwei Lager auf, da die Kinder der betuchteren Eltern sich als etwas Besseres verstehen und sich klar von der Gruppe der Neulinge distanzieren. Nur Gonzalo Infante reagiert anders. Selbst ein Außenseiter, schließt er Freundschaft mit dem neu in die Klasse gekommenen Machuca. Gonzalo lernt nun erstmals mit eigenen Augen die Unterschiede zwischen den Lebenssituationen kennen, was seiner Freundschaft zu Machuca aber keinen Abbruch tut. Zusammen mit ihrer gemeinsamen Freundin Silvana erleben die beiden Jungen die letzten Tage einer unbeschwerten Kindheit, da sich mehr und mehr Widerstand in der Bevölkerung zu regen beginnt, der schließlich in der Belagerung des Parlaments und im Selbstmord Salvador Allendes gipfelt.

Wo die oben erwähnten vorangegangenen Filme nüchtern und sachlich blieben (sogar der erschreckend realistische Junta zeigt perfiderweise die Folterer als Angestellte, die nach der Stechuhr arbeiten und zwischen dem Foltern gemeinsam Tischtennis spielen), kann Machuca, mein Freund emotional und intim werden. Aus der naiven Sicht der beteiligten Kinder zeigt er uns ein Land, das sich im Umbruch befindet und durch gegensätzliche politische Auffassungen auseinandergerissen wird. Eindrucksvoll zeigt Andrés Wood, wie sich der alltägliche Einkauf von Lebensmitteln zum unmöglichen Unterfangen entwickelt.

Allende hatte seine eigene Basis verloren, weil diese aufgrund seiner weitreichenden Sozialreformen um ihre eigenen Privilegien fürchtete – sie schaffte ihr Geld ins Ausland und brachte die chilenische Wirtschaft zum Erliegen. Im Film wird der Bruch symbolisch in einer Schlüsselszene deutlich gemacht, als Pater McEnroe, der Rektor von St. Patrick, einen Gottesdienst dazu nutzen möchte, zwischen den Schichten zu vermitteln, wobei es jedoch zum offenen Streit zwischen Arm und Reich kommt. Der sensibel gestaltete Film kann mit Hilfe seiner jungen Protagonisten das Unverständnis gegenüber der Differenzen zwischen den Erwachsenen glaubwürdig vermitteln, findet in seinen letzten Einstellungen aber zudem auch eine nachvollziehbare Erklärung für das Ende einer Freundschaft, der keine Zukunft beschert sein konnte. 1970-01-01 01:00
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