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Mach doch, was du willst – Elf Kurzfilme zum Wandel der Arbeit

D 2007. R: Karsten Wiesel, Anna Wahle, Arne Bunk, Jens Schillmöller, Lale Nalantoglu, Jochen Hick, Mojan Ghanaatgar, Andreas Teuchert, Kathrin Albers, Jim Lancy, Markus Mischkowski, Kai-Maria Steinkühler, Markus Dietrich, Jan Peters. P: KFA Hamburg, ZDF/arte.
95 Min. Der KurzFilmVerleih ab 1.5.07

Hartz IV im Möbelwagen

Von Daniel Bickermann »Schon heute kann unser Land fünf Millionen Menschen ein Leben ohne Arbeit ermöglichen«, jubelt die freundliche Erzählstimme, während Bilder von computergesteuerten Fließbandprozessen an uns vorbeiziehen und fröhliche Funk-Musik uns um die Ohren wummert. Da sind gerade mal zwei Minuten der Kurzfilmrolle vergangen, und eigentlich ist fast alles gesagt.

Karsten Wiesels Found-Footage-Montage Die neue Zeit erweist sich als perfekter Einstieg ins Thema: zugleich von drolliger Beschwingtheit und polemischem Sarkasmus, aber auch nachdenklich und sperrig. Die Furcht, hier vor einer Sammlung trockener Gesellschaftsbelehrungsfilme zu landen, kann (vorerst) zerstreut werden. Die Bundeskulturstiftung, die zusammen mit der KurzFilmAgentur Hamburg, ZDF und arte die hier gezeigten Filme im Zuge eines Wettbewerbs aus 486 konzeptuellen Einreichungen im Frühjahr 2006 auswählte und realisieren ließ, hat gut daran getan, allzu pädagogische Beiträge außen vor zu lassen.

Daß sich im Laufe der 90minütigen Zusammenstellung dann doch über kurze Strecken ein wenig Langeweile einstellt, ist wohl nicht zu vermeiden und liegt vor allem an der Schwäche der oft sehr lang geratenen dokumentarischen und essayistischen Beiträge, die (was bei der Themenvorgabe nicht weiter verwundert) das Feld dominieren. Wer meint, ein nichtfiktionales Format würde allein wegen der komplizierten Informationslage dem Thema »Arbeit« am angemessensten scheinen, irrt: Leider beschränken sich Filmemacher wie Jochen Hick oder Anne Wahle zu sehr auf Stimmen und Stimmungen aus der Bevölkerung. Oft hat man das Gefühl, die Künstler trauen sich nicht selbst (oder höchstens durch Auswahl und Montage), eine Stellungnahme abzugeben. Lieber versteckt man sich hinter O-Tönen der Bürger, vor allem das spontane Straßeninterview wird als angemessene Form zur Arbeitsdebatte angesehen. So entsteht aber nur Tagespolitik und Unverbindlichkeit, Volkes Meinung ist flüchtig, und die interviewten Passanten sind sich keinerlei Verantwortung für das Gesagte bewußt.

Auf diesem Weg ergibt sich neben viel Belanglosem auch einiges Ärgerliches. Dazu gehört beispielsweise die hanebüchene Diskussion um einen vermeintlich bevorstehenden Aufstand der Arbeitslosen, deren politisches Desinteresse von bebrillten Soziologen ausgerechnet als Zeichen der Radikalisierung mißdeutet wird, wo doch jedes Interview mit Betroffenen nur bestätigt, daß niemand sich ein Leben außerhalb oder gegen das System (seit jeher eher ein Intellektuellentraum als eine Utopie der von der Arbeitslosigkeit hauptsächlich betroffenen Arbeiterschaft) auch nur vorstellen kann. Da können die Politologen spekulieren, wie sie wollen: Die deutschen Arbeitslosen haben (gottseidank) nichts zu sagen außer »Gebt uns Arbeit«. Und eine abschließende Warnung vor einer Massenauswanderung der Arbeitslosen hört sich angesichts der gerade noch gezeigten Zustände beinahe lächerlich an. Eine »Abstimmung mit dem Möbelwagen«?! Welcher Hartz IV-Empfänger kann sich bitte einen Möbelwagen leisten?

Am verwirrendsten und problematischsten gerät aber Andreas Teucherts audiovisuelle Werbebroschüre Wirtschaftswunder, die zeigt, daß von Kommunen eben doch wenig mehr kommt als – nun ja, der Kommunismus. Genauer: ein Fourierismus, natürlich ohne die sexuellen Freiheiten. Unsympathische Sozialpädagogen werden da in ihrem kollektiven Arbeitsalltag hübschchoreographiert und leiern talentlos ihre auswendig gelernten Phrasen herunter, als wäre die brechtsche Ästhetiktheorie von Fließbandarbeit als höchster Form des Ausdruckstanzes nicht ein vorsintflutliches und längst zu den Akten gelegtes Mißverständnis. Daß nun sowohl politisch als auch ästhetisch eine Handvoll 90 Jahre alter Ideen als letzter Schrei verkauft werden sollen, ist traurig bis zum Rand der unfreiwilligen Satire. In nachgerade kitschigen Bildern visualisiert Teuchert völlig ironiefrei den Traum von einer uniformen Konsensgesellschaft und schafft doch nur unbehagliches Unverständnis für einen absurden Lebensstil.

Wer den Volksmund für sich sprechen läßt, erhält eben nur die alten und manchmal auch die ganz alten Ideen, niemals die visionären, kontroversen oder originellen. Dafür braucht es die Eigenwilligen, die Egomanen, die Charakterköpfe – wie Jan Peters. Die Ein-Mann-Legende des deutschen Tagebuchfilms schießt mit seinem Beitrag Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde mal wieder den Vogel ab. Peters Film ist gewitzt, unterhaltsam und mit großer Souveränität geschnitten und gedreht, es herrscht die scheinbar schwebende Leichtigkeit und Kurzweiligkeit einer amüsanten Anekdote, die doch in Wirklichkeit so kompliziert herzustellen ist und die man so exakt durchdenken muß. Dazu noch ein obligatorischer Schuß von Peters’ charmantem Wahnsinn und fröhlichem Verfolgungswahn, und fertig ist ein nichtfiktionaler Beitrag, der den anderen dokumentarischen Vertretern ein Vorbild in Sachen Glaubwürdigkeit, Verantwortlichkeit und echter, persönlicher Auseinandersetzung sein sollte.

Auch die fiktionalen Kurzfilme überzeugen größtenteils, indem sie sich eben vom Alltag entfernen, hin zur Symbolik, streckenweise gar zur Poesie. Lale Nalpantoglus und Jens Schillmöllers Kurzfilm Bus beispielsweise bringt mit seiner bittersüßen Geschichte einer kuriosen Arbeitslosen-Guerilla, die sich entlang der Autobahn aus ihrem Kleinbus heraus die Arbeit kreativ sucht, endlich die unverschämten neuen Ideen, die das Thema braucht. Das größte Highlight aber bleibt Waldmeister, eine neue Produktion des kultumwobenen Westend-Teams um Markus Mischkowski und Kai-Maria Steinkühler: Die stimmungsvolle Schwarzweiß-Posse bringt in schreiend komischen neun Minuten all die Schikanen, Paradoxien und Absurditäten eines 1-Euro-Jobs als Waldmüllsammler eindrucksvoller auf den Punkt, als dies drei Stunden dokumentarischer Sozialstudie jemals könnten – und Spaß machen tut's nebenbei auch! 1970-01-01 01:00
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