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Luther

D 2003. R: Eric Till. B: Camille Thomasson, Bart Gavigan. K: Robert Fraisse. M: Richard Harvey. S: Clive Barrett. P: NFP. D: Joseph Fiennes, Alfred Molina, Jonathan Firth, Claire Cox, Peter Ustinov, Bruno Ganz, Uwe Ochsenknecht u.a.
121 Min. ottfilm ab 30.10.03

»Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.« (Luther)

Von Matthias Grimm Biopics haben generell das Problem, einen Mittelweg von verbürgtem historischem Faktenwissen – und damit einer pädagogisch besetzten Erwartungshaltung – und einer im filmischen Sinne dramatisierten Interpretation beschreiten zu müssen. Das hat meist grauenhaft verquastes Kostümkino zur Folge, das von vornherein an verschiedenen Punkten zum Scheitern verurteilt ist: Zum einen geht es immer um einen Menschen, dessen Porträt zu zeichnen der Film sich anmaßt, was daran scheitert, daß der Film als realistisches, aber dennoch erzählendes Medium die Mythen nicht zu dekonstruieren weiß, die sich um die Person figurieren, und zwangsweise einen Widerspruch eingeht mit den »Fakten«, die er behauptet. Des weiteren stellt die Person in der Regel selbst ein mythisches Zeichen dar, das auf eine spezielle Tat oder ein historisches Ereignis stellvertretend verweist, was aber an narrativem Potential selten mehr als das Konstatieren des Stattfindens anbietet.

Der Ausweg aus diesem Dilemma, der in der Regel bemüht wird, ist die Tat und die Person zusammenfallen zu lassen und als eines zu denken: Die Person dekonstruiert die Tat, oder die Tat erschafft die dramaturgische Figur. Ein solches Vorgehen ist fast immer stereotyp und platt.

All diese Widersprüche, als Genre verpackt, sind dennoch so verlockend, weil ihre Auflösung einer Lehrbuchdramaturgie entspricht: zu Beginn eine Initiation, ein Zweifeln, dann die Berufung und der Widerstand und das Durchsetzen gegen diesen Widerstand, bis die Tat erfolgt und der bekannte Zustand sich einstellt. Um diesen Kraftakt zu leisten, hat das Genre in seiner langen, aber kaum revolutionären Geschichte eine ganze Palette im Grunde primitivster Rhetoriken entwickelt, die in erster Linie die Funktion erfüllen, Mythisierung zu leisten und zu verstärken. Auf diese Weise offenbart sich, warum das Biopic immer den Anschein »guter« Dramaturgie erweckt: weil es deren Grundvoraussetzung erfüllt. Es »bedeutet« immer etwas.

Luther vermeidet viele dieser Fehler: Er bedeutet zwar eine Menge, aber selten mehr als er tatsächlich zeigt. Der Film sucht nicht nach einer behaupteten Persönlichkeit hinter der geschichtlichen Person. Er setzt ihr keine Liebesgeschichte auf oder dichtet ihr einen Vaterkomplex an. Er enthält sich weitestgehend Psychologisierungen und beläßt es bei Andeutungen. Der innere Konflikt Luthers wird dem äußeren gleichgesetzt, dem Konflikt mit dem Glauben, und das genügt als treibende Kraft hinter den Ereignissen. Der Film unterläßt es, weitere Narrativierungen zu bemühen: Luthers Beziehung und die Heirat mit der Zisterziensernonne Katharina von Bora wird in drei Szenen verhandelt, ohne Gefühlsduselei. Ohne Gefühl überhaupt. Luthers Initiation, der Blitz, der ihn sein Leben in den Dienst Gottes stellen läßt, ist direkt der Legende entnommen – wenig ist aus dramaturgischen Gründen hinzu- oder umgedichtet, vielleicht auch, weil der Film sowieso keine Zeit dafür hat. Er verzichtet auf Vorzeitigkeit, Kindheitserlebnisse, prägende, fiktive Ereignisse, auf all den rhetorischen Ballast, der sich ansonsten im Repertoire der Biopic-Filmer ansammelt. Er lädt sich nicht künstlich mit Ideologie auf oder webt sich eine moderne, als Allegorie auf die heutige Zeit anwendbare Lesart ein.

Luther vermeidet diese Fehler und scheitert daran. Luther funktioniert wie ein Geschichtsbuch und versprüht zu großen Teilen auch dessen Charme. Das ist insofern nicht abzulehnen, da es das häufig vernachlässigte Bedürfnis nach einem »realistischen« Historienfilm bedient, doch bleibt die Frage, ob das Erzählkino für diese Art von Narration das geeignete Medium darstellt. Am Beispiel von Luther muß die Frage verneint werden. Zu sehr ist er damit beschäftigt, Punkte abzuhaken, Checkliste zu sein. Pflichterfüllung zu leisten. Luther springt durch die Geschichte von einem Ereignis zum nächsten, stets bemüht, nichts auszulassen, aber kaum etwas vertiefend. Kaum ist der Film irgendwo angekommen, muß er auch schon weiter, den nächsten Haken machen. Komplexität durch Komplexitätsreduktion leisten.

Dies wäre nicht ganz so schlimm, hätten die Bilder von Regisseur Eric Till auch die visuelle Kraft, nach der sie verlangen. Denn genau hierin läge das Potential, welches das Erzählkino der Biographie als Genre eröffnet: in Bildern das zu sagen, was in Dialogen und Handlungsentwicklungen aus Zeit- oder anderen Gründen nicht möglich ist. Doch hier scheitert Luther letzten Endes vollständig: Im ganzen Film findet sich kaum eine Einstellung, die nicht an einen ZDF-Weihnachts-Zweiteiler erinnern würde; die nicht für die VHS gedreht zu sein scheint, auf welcher der Film noch in zehn Jahren im Schulunterricht gezeigt werden wird; die auch nur annähernd als großes Kino durchgehen könnte. Daran kann auch die historische Zahl an (mehr oder weniger bekannten) Stars nichts ändern, die beim Dauerlauf durch die Geschichte zwar nicht außer Puste geraten, dafür aber kaum mehr als Zuschauer am Streckenabschnitt darstellen. Und das ist gerade für ein Stück deutschen Filmes bedauerlich, der so gerne die Internationalität auch ausstrahlen würde, die er einatmet. 1970-01-01 01:00
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