Von Thilo Wydra
Etwa 3,3 Millionen Franzosen haben das Regie-Debüt der Schauspielerin Agnès Jaoui gesehen, und es ist dies wahrlich kein Mainstream-kompatibles Action-Kino, keine tumbe Klamauk-Komödie, sondern ein äußerst komplexes und kompliziertes Porträt einiger mehr oder weniger einsamer Seelen, eine kaleidoskopische Studie von Beziehungsgeflechten, ein genau sezierender Blick auf die Liebes- und Glückssuche moderner Großstadt-Menschen.
Kurz:
Lust auf Anderes ist Filmkunst auf höchstem Niveau. Und anscheinend schließt sich das in Frankreich noch immer nicht aus, Anspruch und Erfolg. Beneidenswert...! Jaoui, die zuletzt in Alain Resnais' Musical-Variation
On connaît la Chanson zu sehen war, zu dem sie gemeinsam mit ihrem Mann Jean-Pierre Bacri auch das Drehbuch schrieb, vermag es, Tragik und Komik derart dicht zueinander zu stellen, daß das scheinbar befreite Lachen urplötzlich im Halse stecken bleibt, denn schon schaut der Ernst des Lebens um die Ecke. Ihr Mann Bacri, mit dem sie hier abermals sowohl vor der Kamera stand als auch das Scénario mit diesen geschliffenen Dialogen verfaßte, interpretiert den Part des melancholischen Monsieur Castella auf brillante Weise.
Dieser unglücklich Verheiratete, der sich nach einer anderen sehnt, seiner extra bestellten Englisch-Nachhilfe-Lehrerin Clara, dabei unfreiwillig komische Avancen macht, dieser Castella ist mit die tragischste Figur in Jaouis famosem Menschen-Kabinett.
1999-11-30 00:00