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Luna Papa

A/D/RUS/CH/F 1999. R: Bakhtiar Khudojnazarov. B: Irakli Kwirikadze. K: Martin Gschlacht, Dusan Joksimovic, Rostislav Pirumov, Rali Rachlev. S: Kirk von Heflin, Evi Romen. M: Daler Nasarov. P: Pandora/Prisma u.a. D: Chulpan Hamatova, Moritz Bleibtreu, Ato Mukhamedshanov u.a.
Arthaus ab 27.7.00

Tuvalu

D/BUL 1999. R,B,P: Veit Helmer. B: Michaela Beck. K: Emil Christov. S: Araksi Mouhibian. M: Jürgen Knieper, Goran Bregovic. D: Denis Lavant, Chulpan Hamatova, Philippe Clay, Terrence Gillespie u.a.
90 Min. Buena Vista ab 22.6.00

Tartarischer Morgenstern

Von Oliver Baumgarten Die surrenden Deckenventilatoren entwickeln plötzlich enorme Kräfte, sie wandeln sich in ihrer Geschwindigkeit zu Rotorblättern und heben dank des Auftriebs das Dach hoch in die Lüfte. Überrascht und verzückt gleichermaßen blickt eine junge Frau auf den zurückbleibenden Mob hinab, der ihr ungeachtet dieses kleinen Wunders weiterhin nachkeift. Auf dem ehrwürdigen »Imperial«-Motor sitzend, der Maschine, die über Generationen hinweg die Wasserkontrolle eines Schwimmbades regulierte, schaukelt eine andere junge Frau über das Meer in Richtung der Insel Tuvalu. Zurück läßt sie ein demoliertes Leben, um befreit im Nirgendwo ihren Traum zu verwirklichen.

Unterschiedlicher könnten die Filme Tuvalu und Luna Papa kaum sein, und doch führen ihre weiblichen Hauptfiguren, jeweils gespielt von der gebürtigen Tartarin Chulpan Hamatova, die beiden Werke ein kleines Stück zusammen. Trotz Veit Helmers nostalgischem Grundton in Tuvalu steht Chulpan Hamatovas Figur auch bei ihm für eine fortschrittliche Welt und für eine zweite Chance auf ein individuelles Leben. Der Ausbruch aus dem Gewohnten bezeichnet das Ende beider Filme, und der wörtlich genommene »Deus ex machina« nimmt hier wie dort die lebhafte Chulpan Hamatova auf seine mechanischen Flügel.In Tuvalu besitzt ihre Figur ein besonderes Geschick im Umgang mit Technik und speziell mit dem »Imperial«, eine Eigenschaft, die jede Figur in Helmers Kosmos als herzensgut identifiziert. Die Liebe zu grobmechanischen Maschinen, die derart viele feinsinnige Handgriffe erfordern, daß ihre arbeitssparende Funktion fast ad absurdum geführt wird, zeigte sich schon in Helmers kuriosem Kurzfilm Surprise. Hier aber bezeichnet der »Imperial« das Herz des Geschehens um Anton, der sich als Juniorchef nicht nur um ein vollkommen marodes und besucherarmes Bad kümmern muß, sondern auch um seinen blinden Vater, dem er mittels Tonbandaufnahmen ein glänzend funktionierendes Geschäft vorgaukelt. Eine der wenigen Gäste ist Eva, in die sich Anton unsterblich verliebt, die ihm aber die Schuld am Tode ihres Vaters gibt. Am Schluß, soviel sei verraten, wird Anton natürlich mit auf dem »Imperial« sitzen, auf dem Weg nach Tuvalu.

Veit Helmers hinreißend gefilmtes Märchen strahlt die Gemütlichkeit und das Liebenswerte eines Tante-Emma-Lädchens aus, in dem mit großer Hingabe und Individualität die Vorzüge des guten alten Krämerberufs zelebriert werden. Kinonostalgie spricht aus jeder Einstellung, Filmbegeisterung aus jedem der mühsam nachkolorierten Schwarzweißbilder. Jedem Bereich des Schwimmbades ordnet Helmer eine Grundfarbe zu, so erstrahlt der Maschinenraum in herzblutwarmem Rot, draußen hingegen, wo es beständig regnet, herrscht ein kühl-feuchtes Blau. Fast scheint es manchmal, als passe sich Kameramann Emil Christov dieser Einteilung an, baut in den Maschinenraum-Szenen kaum merkliche Schrägen ein und zieht sich in blauen Szenen mit ruhigen, schwelgenden Totalen zurück. Ein hochwertiger Sound und eine sagenhafte Ausstattung schließlich machen den Kinotraum perfekt, der, von einigen universal verständlichen Worten abgesehen, gänzlich auf Dialog verzichtet – eine meisterliche dramaturgische Leistung, durch die sämtliche Handlungselemente deutlich werden. Neben Regie- und Drehbuch-Kniffen rückt natürlich durch diesen Umstand der Ausdruck der Darsteller in besonderem Maße in den Vordergrund. Und so ist es herrlich zu verfolgen, wie Chulpan Hamatova rein mimisch und gestisch von der vermeintlich niedlichen Unschuld vom Lande aus Rachegefühlen zur verschlagenen Zicke wird.

Die »Heidi«-Unschuld, die steht der großäugigen Chulpan ins hübsche Antlitz geschrieben, was Regisseur Bakhtiar Khudojnazarov für Luna Papa etwas eindimensionaler einsetzt. Dort nämlich spielt sie die glückliche Tochter eines alleinerziehenden Vaters, der in einem kleinen usbekischen Dorf mit einem debilen Sohn (leicht peinlich: Moritz Bleibtreu) versehen, redlich um ein moralisch anständiges Leben bemüht ist. Als die Tochter sich eines Nachts von einem Unbekannten verführen läßt und schwanger wird, machen sich die Drei auf die Suche nach dem Vater, um den mißtrauischen Dorfbewohnern einen Ehemann präsentieren zu können. Die zum Teil wunderschönen Aufnahmen behindert Khudojnazarov manchesmal leider selbst durch allzudeutliche Reminiszenzen an Kusturica, Kiarostami oder Makhmalbaf, die er sehr selten erreicht. Nur zu vermuten ist, derlei Unentschlossenheit gehe auf die seltsame Tatsache zurück, daß gleich vier Kameraleute abwechselnd die Bildgestaltung des Films übernahmen. Ein einheitliches Konzept ist dergestalt schließlich kaum zu erwarten. Die leichte und heitere Grundstimmung von Luna Papa hingegen verdankt er zweifellos der erdigen Darstellung von Vater-Tier Ato Mukhamedshanov und der verträumten Lebenslust Chulpan Hamatovas, von der noch zu hören sein wird und die am Ende auf dem Dach in die Freiheit fliegt, dem entgegen, was ihr Name auf tartarisch bedeutet: dem Morgenstern. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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