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Lucy

D 2006. R,B: Henner Winckler. B: Stefan Kriekhaus. K: Christine A. Maier. S: Bettina Böhler. P: Schramm Film. D: Kim Schnitzer, Feo Aladag, Gordon Schmidt, Polly Hauschild, Ninjo Borth u.a.
82 Min. Piffl Medien ab 29.6.06

Das Schweigen der Bilder

Von Thomas Warnecke »Na, gehst du jetzt wieder abends weg?«, wird Maggy von einer Freundin in der Disco gefragt. Maggy ist 18 und seit ein paar Monaten Mutter von Lucy, auf die jetzt gerade Daniel, der einfach nur ein guter Freund ist, aufpaßt. Es scheint, als sei die Möglichkeit, abends auszugehen, schon das gewichtigste Problem für Maggy, und die Kunst vieler kleiner Szenen und Dialogfetzen von Lucy besteht genau darin, daß man das nachvollziehen kann. Daß sie die Verantwortung für ihr Kind trägt, steht außer Frage, und darum geht es auch nicht. Maggy ist kein Problem- oder gar Sozialfall, auch wenn sie noch nicht so recht weiß, wie es weitergehen soll. Vielmehr scheint es so, daß sich mit einem Kind die Frage nach dem eigenen Glück ganz anders stellt und eine andere Dringlichkeit erhält.

Maggy muß keine großen Hürden überwinden, das Drehbuch hat ihr keine Steine in den Weg gelegt, der Sozialstaat funktioniert noch. Die ganze Spannung oder besser Anspannung liegt in den Figuren selbst und ihren Beziehungen zueinander, und das gleichermaßen Kennzeichnende wie Problematische des Films besteht darin, daß alles in der Schwebe bleibt. Paradoxerweise wird gerade die lockere Folge wenig dramatischer, dafür aber, wie man so sagt, »atmosphärisch dichter« Szenen anstrengend. Vielleicht ist das sogar intendiert, um dem Zuschauer genau dieses Gefühl der Unsicherheit zu vermitteln, welches Maggy jede neue Situation beängstigend erscheinen läßt, doch werden dabei Durchhaltevermögen und Empathie ziemlich strapaziert. Die Bildsprache mit wenig unterschnittenen, halbnahen Einstellungen scheint wie gemacht für Lucy, aber manchmal kommt auch der Verdacht auf, der Film sei umgekehrt genau für eine solche Bildsprache gemacht, die dann nicht mehr so heißt, sondern Format: Kleines Fernsehspiel.

Die Stärken von Henner Wincklers Film sind offensichtlich: Nichts an Handlung und Personen wirkt erfunden, nichts steht symbolisch für etwas anderes oder ist nur Beispiel oder These oder gar nur Effekt. Dafür braucht es Darsteller, die, in Ermangelung treffenderer Ausdrücke, »echt« wirken oder »authentisch«. Diesen Eindruck vermittelt das Darstellerensemble, aus dem einige schon bei Wincklers Klassenfahrt dabei waren, ausnahmslos. Besonders schön und wirklich sehenswert ist aber, daß manche Einstellungen an die Grenze des Dokumentarischen gelangen, und das besonders im Fall der Hauptdarstellerin: Manchmal sieht man nicht mehr Maggy oder wie eine Schauspielerin sie spielt, sondern Kim Schnitzler, die eben nicht mehr zu spielen scheint, sondern einfach unwillkürlich lächeln muß oder ein Gesicht zieht und für eine Sekunde aus der Rolle zu fallen scheint oder mit ihr eins wird, was hier das gleiche ist. Und es ist ganz egal, ob das absichtlich geschieht oder im Gegenteil aus einer (noch) mangelnden Kontrolle über die darstellerischen Mittel, so nah kommen wir im Kino den Schauspielern nur selten – und sie uns.

Damit durchbricht Kim Schnitzler auf ihre Weise für Momente das enge filmische Konzept und verleiht dem Film etwas besonderes; denn so offen Handlung und Ende von Lucy auch gefügt sein mögen, liefern die Autoren doch nur ein besonders mustergültiges Exemplar eines konventionellen Kammerspielrealismus', dessen erwähnte Vorzüge auch seine Grenzen bedeuten: Nichts weist über das konkrete Geschehen hinaus, der Film droht zu implodieren.

Zum Beispiel sollte mal jemand Henner Winckler und Stefan Kriekhaus die Angst vor Theater und Literatur nehmen, so daß sie ihre Protagonisten gelegentlich in ganzen Sätzen sprechen und Dinge sagen lassen, die über »weiß nicht« und »du mich auch« hinausgehen. Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer hat darauf hingewiesen, daß Georg Büchner ausgerechnet Woyzeck als Prototyp des »kleinen Mannes« in einem prototypisch realistischen Stück komplexe Gedanken habe äußern lassen, die seinem sozialen Status zu widersprechen scheinen, in einer Sprache, die nicht die seines Milieus sei: »Daß kein Mensch flach ist, simpel ist«, sei damit auf revolutionäre Weise vor Augen (und Ohren) geführt. Da Lucy (wie viele andere deutsche Filme der letzten Jahre) der Sprache ihre Nuancen verweigert, bleibt einstweilen Kim Schnitzlers Gesicht. 1970-01-01 01:00

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