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Lucky People Center International

SW 1998. R,S: Erik Pauser, Johan Söderberg. K: Jan Röed. M: Lucky People Center.
85 Min. MFA ab 2.9.99

Achtzig Minuten International People

Von Natalie Lettenewitsch »Lucky People Center« hieß einmal ein kleiner illegaler Techno-Schuppen in Göteborg, heißt heute eine schwedische Künstlergruppe und heißt in diesem Film der ganze Globus. Das Werk von Erik Pauser und Johan Söderberg, irgendwo zwischen Dokumentarfilm und Musikvideo angesiedelt, bemüht sich um das universalste Thema der Welt: die Welt selbst. Es singt das alte Lied vom verlorenen Einklang mit der Natur und diversen spirituellen Versuchen, sie wiederzufinden. Die Botschaft lautet: Wir sitzen alle im selben Planetenboot.

Die erste Einstellung zoomt aus dem All auf den Schauplatz Erde und läßt ein wahres Bildgewitter folgen: der komplette Film in wenigen Sekunden Hyperzeitraffer. Dann erst: das ganze nochmal, in zumindest teilweise etwas meditativerem Tempo – »Reise um die Welt in 80 Minuten«. Ein Mix aus flimmerndem Found Footage und von den beiden Regisseuren an exotischen Locations selbstaufgenommenem Material, letzteres sind neben kunsthandwerklich schönen Landschaftsaufnahmen vor allem kleine Porträtstudien von quer über den Globus verstreuten Freaks und Gurus. Annie Sprinkle berichtet als eine der wenigen westlichen Vertreter über orgasmische Atemtechniken und demonstriert sie natürlich auch gleich; ansonsten bevorzugt die Kamera aus naheliegenden Gründen indische Yoghi, Maori-Kampftänzer und im Dschungel lebende Aussteiger als Vermittler der »Lucky People«-Philosophie.

Völlig neu sind derlei Features über den Zustand der Menschheit nicht, für die man fast schon eine Genrebezeichnung erfinden könnte (z.B. »Öko-Soap«?). Der Urfilm in dieser Hinsicht ist sicher Koyannisqatsi von Godfrey Reggio, dem die Fortsetzung Powaqatsi und der späte Ableger Baraka von Reggios Kameramann Ron Fricke folgten. Dabei wich scharfe Zivilisationskritik immer mehr rein dekorativen Geo-Reportagen.

Lucky People Center International nun stammt zwar aus dem depressiven Skandinavien (bei der Produktion kooperierte Lars von Triers Firma »Zentropa«), unterscheidet sich aber von seinen frühen Vorläufern (oder auch zuletzt Michael Glawoggers Weltstadttour Megacities) wesentlich durch den entschiedenen Optimismus und die Leichtigkeit seiner »Global-Bilanz am Ende des Jahrtausends«.

Formal neu ist die Integration des gesprochenen Wortes, die ihn aber zum einen die suggestive visuelle und rein musikalische Kraft wie z.B. des stummen Koyannisqatsi kostet, zum anderen inhaltlich nicht allzu viel voranbringt. Die Texte sind zwar extrem musikalisiert durch Sampling und Wiederholung einzelner Wort- und Satzfetzen, was ihre Bedeutung und Eingängigkeit unterstreichen soll, sie allerdings gelegentlich eher zu leeren Hülsen für Standardlebensweisheiten degradiert.

Der eigentliche Inhalt ist der Rhythmus selbst: Eine Prise Tierfilm hat schon zu Anfang klargemacht, daß der Mensch nicht viel mehr ist als ein Affe – ein tanzender Affe. Aufwendige Montage, schlichte Erkenntnis. Aber jenseits aller abgeklärten Polemik: Lucky People Center International ist ein Film, dessen spezifischer innerer Pulsschlag zwar am einen Betrachter vorbeiplätschern, den, der sich mit Kopf und Bauch dafür öffnet, jedoch ins Mark treffen mag. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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