— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Lucia und der Sex

Lucia y el sexo. E 2001. R,B: Julio Medem. K: Kiko de la Rica. S: Iván Aledo. M: Alberto Iglesias. P: Alicia Produce u.a. D: Paz Vega, Tristán Ulloa, Najwa Nimri, Daniel Freire, Elena Anaya u.a.
128 Min. Movienet ab 5.9.02

Einfach und doch so schwer

Von Thomas Waitz Am Anfang ist das tiefe Blau des Meeres, Seegras, das sich in der unterirdischen Strömung wiegt, die unerklärliche, undurchdringliche Schönheit der Stille unter Wasser. Ein wiederkehrendes Bild für das Unbewußte, das Julio Medem schon in seinen früheren Filmen so oft gewählt hat. Und wie zuvor in dem in Deutschland fast unbeachtet gebliebenen Film Kühe, im verrätselten Roten Eichhörnchen und dem unendlich kitschigen Die Liebenden des Polarkreises folgt Lucía und der Sex einer rätselhaften Frauenfigur.

Auf der Suche nach ihrem verlorenen Liebhaber flüchtet sich Lucía auf eine Insel, die sich als symbolträchtiger Ort herausstellt, einer, auf der es Löcher gibt, in die, das wird den Freudianern gefallen, Menschen hineinfallen und verschwinden. Andere Menschen tauchen wieder auf, Linien in die Vergangenheit deuten sich an, Traum und das, was Wirklichkeit zu sein scheint, vermischen sich.

Kaum ein paar Einstellungen braucht der Film, da ist schon fast alles erzählt. Kein Bild ist zuviel in einer gleichermaßen verknappenden wie ungeheure Ökonomie beweisenden Narration, die sich nicht lange mit Erklärungen aufhält. Eine einzelne Träne, deren Spur sich aus dem Auge verliert, genügt Medem einmal, und er hat viel mehr von der Traurigkeit und dem Schmerz seiner Figur erzählt, als sich anders je sagen ließe. Das ist das Positive an diesem Film. Eine Versuchsanordnung, die dem Okkasionalismus huldigt und das noch so unwahrscheinlich Zufällige nonchalant zum handlungsbestimmenden Element erhebt, ist das andere.

Anders als etwa bei Kieslowski, wo das Wirken des Zufalls immer die Frage stellt nach der Möglichkeit, daß alles auch ganz anders sein könnte (und damit normativ nicht zu fassen), erzählt Lucía und der Sex stets von den Möglichkeiten, die gewesen sind. Oder gewesen sein könnten, wenn sich die Lösung eines verwirrenden Rätsels und die Suche nach so etwas wie einer eigenen, benennbaren Identität verknüpfen.

Medem glaubt, wie an wenig anderes, an das hell überstrahlende Weiß des Neuanfangs, das in seinen Bildern liegt. In seinem gewiß faszinierenden, anstrengenden und ermüdenden Kosmos scheint nur das zur Geltung zu gelangen, was sichtbar ist. Du hast wunderbare Augen, sagt Medems Film ein ums andere Mal, und meint so oft doch nur, geblendet vom eigenen intellektuellen Strahlen, den Abglanz seiner Selbst in der Pupille jener, die er zu bewundern vorgibt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap