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Lovesong für Bobby Long

A Love Song for Bobby Long. USA 2004. R,B: Shainee Gabel. K: Elliot Davis. S: Lee Percy, Lisa Fruchtman. M: Nathan Larson. P: Crossroads, Bob Yari. D: John Travolta, Scarlett Johansson, Deborah Kara Unger u.a.
119 Min. Tobis ab 21.7.05

Das New Orleans der Erzähl-Konventionen

Von Matthias Grimm Menschen, die nichts zu sagen haben, sind in der Regel die lautesten. Im Kino verhält es sich nach landläufiger Meinung ähnlich: Hier pappen die oft beschrienen »leisen Töne« dem Film schon prophylaktisch moderat ein Prädikat aufs Plakat. Handelt es sich bei besagten Tönen auch noch um die unablässig rezitierten Worte toter Dichter, wähnt sich manch ambitionierter Filmemacher schon als »richtiger« Künstler. Auch Lovesong für Bobby Long verfällt jenem Irrglauben, den bereits die Kinoreformer in den 10er Jahren verbreiteten, und schreit daher in jeder Szene so laut »Anspruch«, daß man dem nur »Einspruch« entgegnen möchte.

Als ehemaliger Literaturprofessor Bobby Long fristet John Travolta hier ein bohèmes Dasein, das zur Mittagsstund mit einem Wodka-O beginnt und danach im Kreis der Freunde mit Bierflaschen und gepflegten Aphorismen aus der Apotheken-Rundschau bei der gemeinsamen Suche nach verlorener Zeit gemächlich ausläuft. Erst die junge Purslane bringt den Mikrokosmos aus Selbstmitleid und -zerstörung ins Wanken.

So mancher Franzose oder Skandinavier hätte aus diesem Stoff vielleicht ein bittersüßes Stück Kino fabrizieren können, das von Melancholie ebenso durchtränkt ist wie die intellektuellen Mannsbilder vom Alkohol. Jedoch, was selbst die Kinoreformer nicht ahnen konnten: Amerikanisches Kino, und sei es auch noch so »independent«, sperrt sich gegen solcher Art Sujet. Zu glatt, zu vorherbestimmt, zu bedeutungsschwanger ist alles im New Orleans der Erzähl-Konventionen.

Wenn Regisseurin Shainee Gabel ihre Figuren ergründet, dann nur, um ihre scheinbar komplexe Psychologie schlußendlich durch simple Schlüsselerlebnisse zu erklären; Erlebnisse auch noch, die als Geheimnisse getarnt wie Ostereier in den Seelen versteckt sind, als sei jeder Mensch ein wandelnder Detektivroman. So endet denn auch Bobby Long wie der Mystery-Thriller von der Stange: mit einem Knall. Und verkennt dabei, daß das Leben selbst der Knaller ist, an dem dieser Film im wörtlichen Sinne vorbeirauscht. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #39.

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